Von Ralph Rückert, Tierarzt
Tiermedizin war und ist eine fluide Mischung aus Wissenschaft und Kunst, wobei Wissenschaft und Rationalität einen immer größeren Anteil für sich beanspruchen, was ja durchaus eine gute und beruhigende Entwicklung darstellt. Nichtsdestotrotz gibt es auch in einem eigentlich knochentrocken rationalen Berufsstand wie dem unseren abergläubische Vorstellungen, denen fast jede und jeder von uns (inklusive mir) zum Opfer fällt, so absurd das auch sein mag.
Ein Wort zur Vorsicht: Das ist ein Artikel über abergläubische, irrationale Vorstellungen. Ich würde davon abraten, ihn allzu ernst zu nehmen!
Ich kenne nur wenige Kolleginnen und Kollegen, die NICHT an die sogenannte „Duplizität der Fälle“ glauben. Was soll das sein? Ein beispielhafter Ablauf: Man steht in der Praxis zusammen, irgendwie kommt die Rede auf das Thema „Magendrehung“ (oder irgendein anderes dramatisches, aber relativ seltenes Krankheitsbild), man stutzt kurz und sagt dann: „He, eine Magendrehung hatten wir ja schon Ewigkeiten nicht mehr!“. Das ist alles, was es braucht, damit in den nächsten drei Tagen eine Magendrehung auf dem OP-Tisch landet. Und dann schlägt die Duplizität zu, denn es steht für uns Abergläubische ganz sicher fest, dass innerhalb von zwei Wochen auch noch eine zweite Magendrehung vorgestellt wird. Ich bin da (nicht allein!) leider völlig persönlichkeitsgespalten: Auf der einen Seite weiß ich sicher, dass der ganze Gedankengang absoluter Nonsens und reiner Aberglaube ist, auf der anderen Seite bin ich völlig davon überzeugt, dass er sich über die vielen Jahre meiner praktischen Tätigkeit viel zu oft bestätigt hat, um ihn einfach abtun zu können.
Wo Menschen arbeiten, passieren Fehler. Da Fehler besonders in der Medizin schreckliche Folgen für individuelle Patienten haben können, versucht man natürlich, die Fehlerquote durch verschiedene Methoden so niedrig wie möglich zu halten, Stichwort Qualitätssicherung und -management. Das hat im Vergleich zu früheren Zeiten sicher sehr viel gebracht, trotzdem wird natürlich immer mal wieder der eine oder andere Bock geschossen, weniger im wirklich kritischen Bereich, sondern eher bei Kleinigkeiten, die nichtsdestotrotz extrem nervige Folgen haben können. Solche seltenen Fehler verteilen sich natürlich normalerweise und aus statistischer Sicht auf das gesamte Kundenkollektiv einer Praxis, so dass sie nicht übermäßig auffällig werden. Ab und zu gibt es aber Kundinnen oder Kunden, bei denen man das Gefühl bekommt, dass da im Hintergrund irgendjemand mit einer Voodoo-Puppe und Nadeln hantiert, denn die bekommen es knüppeldick ab, ohne dass man sich erklären könnte, warum das so ist. Und was einen so richtig zur Verzweiflung treiben kann: So ein Fehler-Fluch trifft fast immer hochgeschätzte Stammkund:innen. Ich kann mich noch an Frau B. erinnern: Jahrzehntelang haben wir uns um ihre nicht wenigen Tiere gekümmert, sie war hochgradig sympathisch, immer freundlich und korrekt zu allen, eine kompetente Mehrhundehalterin, deren Tieren es an absolut gar nichts fehlte, auch und gerade bezüglich der tiermedizinischen Versorgung. Jahrelang lief alles völlig normal und geschmeidig. Und dann schlug der Fluch zu: Sie war mit drei Hunden zur Behandlung bei uns. Als am Empfang die Rechnung erstellt werden sollte, schmierte die Software ab. Kein Problem, wir schicken die Rechnung per Mail. Gesagt, getan, aber nach kurzer Zeit ein Anruf von Frau B., dass mit der Rechnung was nicht stimmen könnte. In der Tat hatten wir einen ganze Behandlungsblock doppelt berechnet. Oh, tut uns schrecklich leid, wir korrigieren das sofort! Kein Problem auch für die Kundin, kann ja mal passieren. Blöd nur, dass da unter lebhaftem Mailaustausch noch drei weitere Fehler in der Rechnung rauskamen, peinlicherweise alle zu unseren Gunsten. Als dieser Kuddelmuddel endlich sortiert war, kam wieder ein Anruf von Frau B., die nach wie vor kein unfreundliches Wort geäußert hatte: Das Medikament, das wir für die Behandlung eines Ihrer Hunde mitgegeben hatten, neige sich dem Ende zu, sie wäre aber terminlich stark gebunden und könne erst nach Sprechstundenende vorbeikommen. Kein Problem, wir legen eine Packung in die Ablagebox am Hintereingang, dann können Sie das heute Abend abholen. Man ahnt es schon: Wir haben vergessen, das Medikament rauszulegen, so dass Frau B., die 35 km entfernt wohnte, am nächsten Tag anrufen und insgesamt 70 km fahren musste, um es endlich zu erhalten. Bei dieser Gelegenheit bat sie an der Rezeption um die Übermittlung der Blutwerte eines ihrer Hunde, weil wir sie mit diesem wegen einer diagnostischen Maßnahme zu einem Spezialisten weiterempfohlen hatten. Kein Problem, wird sofort erledigt! Weit gefehlt, im System waren gar keine Blutwerte zu finden. Hektische Nachforschungen ergaben, dass die Blutprobe des Hundes zwar für die Abholung durch den Kurierdienst des externen Labors in unsere Ablagebox gelegt worden war, aber dort leider immer noch lag. Da der Termin beim Spezialisten für den gleichen Tag vereinbart war, musste dieser dem Hund von Frau B. nochmal Blut entnehmen, um es untersuchen zu lassen. Damit war es aber immer noch nicht vorbei. Für eine Woche nach dem ursprünglichen Besuch von Frau B. hatten wir mit ihr einen Termin für eine Zahnreinigung in Narkose vereinbart. Am Tag vor diesem Termin sah ich sie im Vorbeilaufen mit dem betreffenden Hund durch die Eingangstür kommen und fragte sie, ob was passiert wäre. Nee, Sie hätte doch heute ihren Termin für die Narkose. Schock bei mir, der Vormittag komplett ausgebucht, nicht das auch noch! Aber natürlich hatte sie völlig Recht, ihr Terminzettel bewies es. Das war dann der Moment, wo ich in Frau B.s immer freundlichen Augen eine gewisse Genervtheit sehen konnte und am liebsten in einem ganz kleinen Loch im Boden verschwunden wäre. Die inzwischen vergangenen Jahre machen es mir möglich, mich an diese unglaubliche Serie von Fehlern und Missgeschicken mit einem schiefen Lächeln zu erinnern, aber damals war das alles andere als lustig und hat mich noch lange schwer beschäftigt. Wenn sich jetzt jemand fragt: „Wo habe ich denn sowas schon mal gelesen?“, dann kann ich das beantworten: James Herriot hat eine ganz ähnliche Abfolge von Missgeschicken im Umgang mit einem geschätzten Stammkunden, in diesem Fall einer Farm, beschrieben. Und auch von anderen Kolleginnen und Kollegen habe ich schon von solchen „verfluchten“ Kundinnen und Kunden gehört.
Als Tierarzt, der sehr viele Eingriffe unter Narkose durchführt, muss man – obwohl das schier unmöglich ist – mit der Tatsache zu leben lernen, dass es zwar sehr selten, aber trotzdem immer wieder mal zu Narkosezwischenfällen kommt, manchmal mit tödlichem Ausgang. Es hilft natürlich, dass sowas wirklich viel seltener passiert, als Laien annehmen würden, und über die Jahre durch die stetige Verbesserung der Narkoseverfahren immer noch seltener geworden ist. Gerade die Seltenheit solcher Ereignisse öffnet aber (siehe unten) dem Aberglauben Tür und Tor. Bei mir (und ich bin auch hier wieder nicht allein) hat sich eine Verknüpfung zwischen der zum Ausdruck gebrachten Besorgnis der Besitzer:innen und der Wahrscheinlichkeit eines Zwischenfalls im Kopf festgesetzt. Wenn wir – oft noch in Anwesenheit der Besitzerin – eine Narkose eingeleitet haben, habe ich mich fast immer durch entsprechende Formulierungen (z.B. „Alles klar, er schläft tief und fest, wir machen uns jetzt ans Werk, bis gleich!“) bemüht, die Kundin zum Gehen zu bringen, ohne im letzten Moment das Falsche zu sagen. In meinem Kopf lief da immer das gleiche Band ab: „Geh jetzt und sag es nicht! Nein, sag es nicht!“. Und dann, oft genug: „Jesses, zefix, sie hat es gesagt, jetzt haben wir den Salat!“. Um was ging es? Na ja, zum Beispiel um „Passt bloß gut auf mein Mäxle auf, er ist mein Ein und Alles!“. Mein ganzes Leben als Tierarzt lang hatte ich – nicht im Kopf, aber im Bauch – das Gefühl, dass diese oder ähnliche Formulierungen im Sinne einer umgedreht wirksamen, selbsterfüllenden Prophezeiung Unglück gebracht und die Wahrscheinlichkeit für eine Komplikation erhöht haben. Aus fachlicher Sicht ist diese Aufforderung tatsächlich so sinnlos wie nochwas. Gerade in Praxen oder Kliniken, die in Sachen Anästhesie überdurchschnittlich gute Arbeit abliefern, sind die Abläufe für jede Phase einer Narkose so streng und detailliert festgelegt, dass auf alle Patienten natürlich gleich gut „aufgepasst“ wird.
Tja, das war also jetzt ein (natürlich augenzwinkernder) Einblick in die abergläubischen Abgründe meiner Seele. Als eigentlich streng rationaler Mensch und Tierarzt mag ich das aber nicht einfach so stehen lassen. Deshalb ein bisschen wissenschaftlicher Background zum Phänomen Aberglaube:
Die Psychologie ist der Auffassung, dass Aberglaube aus der dringenden Notwendigkeit entstanden ist, in einer unverständlichen Welt Muster und Zusammenhänge zu erkennen, die im Überlebenskampf einen Vorteil brachten. Stellte sich ein Erfolg oder Misserfolg ein, wurden Gründe dafür gesucht und bestimmte Verhaltensweisen entweder verstärkt oder gemieden, obwohl sie in vielen Fällen überhaupt nichts mit dem Erfolg oder Misserfolg zu tun hatten. Schon bei den berühmten Skinner-Tauben, die Mitte des 20. Jahrhunderts alle 15 Sekunden von einem Automaten einen Leckerbissen zugeteilt bekommen haben, konnte man feststellen, dass die Tiere bizarre Verhaltensweisen entwickelten, weil sie der Meinung waren, dass genau dieses Verhalten das Erscheinen des Leckerbissens auslösen würde. Denjenigen, die jetzt sagen, dass Tauben aber auch blöd wie Schnittbrot wären, lasse ich gleich wieder die Luft raus, denn der genau gleiche Effekt konnte bei ähnlich aufgebauten Versuchsanordnungen auch bei Kindern und selbst bei Studenten nachgewiesen werden. Entwicklungsgeschichtlich kam also erst der – im Überlebenskampf offenbar nützliche – Aberglaube, dann der rationale Verstand als überlegenes Werkzeug. Der alte Aberglaube ist uns aber zumindest in Teilen geblieben und beeinflusst uns noch heute. Wie weit wir das zulassen, bleibt natürlich ganz individuell uns und unserer Rationalität überlassen.
Bleiben Sie mir gewogen, bis bald, Ihr
Ralph Rückert
© Ralph Rückert
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