Von Ralph Rückert, Tierarzt
Inzwischen ist seit dem letzten Artikel ungewohnt viel Zeit vergangen. Einerseits war ja – auch für weitgehende Ruheständler wie uns – Urlaubssaison, und die heroischen Zeiten, wo ich sogar auf Reisen neue Artikel in die Tastatur gehämmert habe, sind definitiv vorbei. Andererseits hatte ich eine ausgewachsene Schreibblockade, weil ich mich seit Wochen und zum ersten Mal in meiner Laufbahn hochgradig verunsichert fühle, sowohl was meinen Beruf als Tierarzt als auch mein Hobby als Tiermedizin-Blogger angeht, und das liegt – man kann es sich angesichts der Überschrift denken – an der immer rasanteren Entwicklung in Sachen Künstliche Intelligenz (KI, AI), die mich zunehmend an den Güterzug in „Unstoppable“ erinnert.
Mitte Juli brachte die tiermedizinische Fachzeitschrift VETimpulse einen Leitartikel zur Anwendung von KI in der radiologischen Diagnostik, mit einem eher negativen Fazit zu den bisherigen Ergebnissen. Die diagnostische Treffsicherheit ist aktuell noch unter aller Kanone, völlig indiskutabel. Nichtsdestotrotz sehe ich persönlich eine Entwicklung auf uns zurollen, die tiefgreifender gar nicht sein könnte und aus der sich durchaus eine zumindest teilweise Existenzfrage unseres Berufes entwickeln könnte.
Das mit der mangelhaften diagnostischen Treffsicherheit von zum Beispiel radiologischen Diagnose-KI-Tools wird ganz sicher nicht so bleiben. Das wird sich im Gegenteil so schnell ändern und verbessern, dass uns allen schwindlig werden dürfte. In dem (sehr empfehlenswerten) Buch „How to Talk to AI“ erzählt der Autor Jamie Bartlett von einer Arbeitsgruppe, die über Monate eine auf Psychotherapie spezialisierte KI aufgebaut hat, deren Therapieerfolge dann beurteilt wurden – sie lagen auf dem Niveau sehr erfahrener Psychotherapeut:innen. Und in der Humanmedizin werden meines Wissens aktuell bereits Rechtsgutachten erstellt, die sich mit der Frage beschäftigen, ob oder ab wann es einen Kunstfehler bedeuten könnte, wenn humanmedizinische Radiolog:innen KEINE diagnostischen KIs zum Einsatz bringen.
Ich bin der festen Überzeugung, dass wir innerhalb weniger Jahre einen Kernbereich unseres Berufes, unserer Kunst an diese Maschinen verlieren werden, nämlich diesen einen entscheidenden Moment, wo man alle Befunde, die man für den spezifischen Fall braucht (Röntgen, CT, MRT, Sonographie, Laborwerte, Daten der körperlichen Untersuchungen), beisammen hat und dann im Kopf das Puzzle zusammensetzt, um bei einer definitiven Diagnose und natürlich der sich daraus ergebenden Therapie anzukommen. Genau dieser Schritt wird nach meiner Meinung sehr bald von entsprechend spezialisierten KI-Modellen übernommen werden, und zwar höchstwahrscheinlich mit einer dem Menschen weit überlegenen Treffsicherheit. Wenn ich lese, dass bereits 2023 GPT-4 von OpenAI ohne vorheriges spezifisches Training das US-amerikanische Bar Exam (vergleichbar mit dem juristischen Staatsexamen hierzulande) mit gutem Erfolg bestanden hat, bin ich mir eigentlich sicher, dass wir diesen Kernbereich unserer Tätigkeit sehr bald nicht nur freiwillig an die KIs abgeben werden, sondern sogar aus medizinethischer und juristischer Sicht dazu gezwungen sein werden, eben weil die Treffsicherheit höher sein wird, und das auch noch völlig unabhängig von der jeweiligen Erfahrung oder Tagesform der behandelnden Tierärzt:innen. Wir werden dann wohl (vor allem in der Diagnostik) reduziert werden auf eine Rolle als ausführendes Organ der KI: Das Ermitteln der Befunde einer körperlichen Untersuchung, die mit allen menschlichen Sinnen durchgeführt wird, das Handling eines unkooperativen oder gar wehrhaften Tieres, die Durchführung einer nicht zu standardisierenden OP (Beispiel: Fremdkörpersuche und -entfernung bei einem Darmverschluss), das alles und noch einiges mehr wird wohl noch sehr lange uns Menschen vorbehalten bleiben. Trotzdem: Dieser geschilderte, wahrscheinliche Verlust einer Kernkompetenz unseres Berufsstandes ist für einen alten Saurier wie mich wirklich nicht leicht zu verknusen. Die handwerkliche Tiermedizin und die unmittelbare, körperliche Interaktion mit dem Tier werden uns schon bleiben. Doch das intellektuelle Puzzeln – das Herzstück unserer ärztlichen Kunst – wandert in den Serverraum.
Aus Sicht der Patienten wäre so eine Entwicklung aber definitiv positiv! Die Fachzeitschrift erwähnt in ihrem Leitartikel auch, dass viele Patientenbesitzer:innen den Einsatz diagnostischer KIs in der Tiermedizin rundheraus ablehnen würden. Darüber kann man unter rationalen Gesichtspunkten eigentlich nur den Kopf schütteln, denn die Verwendung einer spezialisierten KI mit einer (natürlich wissenschaftlich nachweisbar) höheren diagnostischen Trefferquote, die immer auf dem aktuellen, weltweiten Stand der Wissenschaft ist, stellt natürlich eine klare Verbesserung für die Patienten dar. Es wird dann völlig egal, ob man es in der Praxis / Klinik mit einem „Frischling“ oder einem „alten Hasen“ zu tun hat und ob der letzte Nacht auch gut geschlafen hat. Die im medizinischen Bereich so häufig beklagten (und auch tatsächlich nicht seltenen) Fehldiagnosen würden dadurch sicher deutlich weniger. Ich bin mir als Branchen-Insider der Limitationen des menschlichen Verstandes bezüglich der Verknüpfung von vielen Befunden und der Erkennung großer Zusammenhänge mehr als bewusst und wäre dementsprechend sofort mit der Verwendung einer nachweislich überlegenen Diagnostik-KI einverstanden, sowohl bei meinen eigenen Tieren als auch bei mir selbst. Davon ganz abgesehen: Ich sage voraus, dass die, die jetzt am lautesten schreien, so von wegen „KI beim Tierarzt? Geht gar nicht!“, in fünf Jahren die Ersten sind, die einen verklagen, wenn man nicht die neueste KI-Generation für die Diagnose an ihrem Tier eingesetzt hat.
Und ja, es ist mir natürlich klar, welche Probleme die Large Language Modelle nach wie vor haben. Sie saugen sich Zeug aus den Fingern bzw. den Schaltkreisen, sie halluzinieren, sie lügen und betrügen. Ich habe mich ja vor geraumer Zeit mal in einem kurzen Artikel darüber lustig gemacht, welche dramatischen Gefahren die KI Gemini beim Verschlucken eines Laserlichtpunktes durch eine Katze heraufbeschworen hat. Ich gehe aber davon aus, dass das alles ziemlich schnell zu lösen sein wird, auch und gerade durch fachspezifisches „Training“ im vorgesehenen Anwendungsbereich.
Ein enormes Potenzial der KIs sehe ich beim Blick auf den realen Praxisalltag: Eine riesige Menge unserer Arbeitszeit fließt ohnehin in Dinge, die nichts mit Medizin zu tun haben – Dokumentation, Verwaltung, Labor-Koordination, Kommunikation. Hier fungiert KI schon heute als geniale Entlastung, die uns vom Bildschirm weg und zurück an den Patienten holt. Es wird wohl inzwischen schon so einige Praxen und Kliniken geben, bei denen KIs die Unterhaltungen mit Patientenbesitzer:innen mithören und dann faszinierend gut schriftlich zusammenfassen. Dass in meiner Praxis immer eine Fachangestellte am Computer stand, um alles mitzuschreiben, was sich im Sprechzimmer abspielte, ist also eigentlich schon Geschichte. Für den aktuellen und dramatischen Fachkräftemangel sehe ich KIs mal mindestens als Teillösung des Problems.
Was ich bei alledem nicht möchte, ist eine Generaldebatte über KI. Bei aller Beschränktheit meines Wissens zu dem Thema bin ich mir durch aufmerksame Beobachtung der Presse und durch das Lesen entsprechender Bücher der allgemeinen Sorgen zur Rasanz der KI-Entwicklung bewusst. Auch mir macht da so einiges Kummer bzw. verunsichert mich. Andererseits habe ich schon so einige Technologie-Paniken miterlebt: Das Internet wurde früher als fundamentale Bedrohung gesehen (man erinnere sich an den Film „Wargames“), für die Jahrtausendwende wurde der finale IT-Kollaps der Welt prophezeit, und Super-KI-Doomsday-Szenarien begleiten uns seit den Terminator-Filmen. Wie auch immer: Die Büchse der Pandora ist wieder mal offen, die KIs sind da, „The Rise of the Machines“ hat begonnen. Und sie sind gekommen, um zu bleiben! Wir können nur noch ein bisschen bremsen und mehr oder weniger energisch am Lenkrad drehen. Anhalten können wir nicht mehr!
Wer wird diesen auf uns zukommenden Wandel in der Tiermedizin überleben? Die Maschinen können in naher Zukunft höchstwahrscheinlich Röntgenbilder, MRTs, Laborwerte, etc. analysieren, alle Befunde in atemberaubender Geschwindigkeit zu einer zutreffenden Diagnose zusammenführen, aber sie können einer weinenden Besitzerin nicht einfühlsam erklären, wie es nun mit ihrem kranken Tier weitergeht, oder sie nach dessen Einschläferung trösten. Sie werden auch aller Wahrscheinlichkeit nach nie subtile Krankheitszeichen oder Verhaltensänderungen erkennen können, für deren Wahrnehmung man nun mal menschliche Sinnesleistungen braucht.
Am Ende gilt: Wir Tierärzt:innen werden nicht von KIs ersetzt werden. Aber die Tierärzt:innen, die KI sachkundig anwenden, werden diejenigen ersetzen, die es nicht tun. Die Technologie wird uns die rein analytische Fleißarbeit abnehmen und gleichzeitig dazu zwingen, das zu perfektionieren, was eine Maschine niemals haben wird: Unsere Sinnesleistungen, echte Empathie, menschliche Zuwendung und die ethische Verantwortung für Mensch und Tier.
Ich kann nur allen Kolleginnen und Kollegen (und eigentlich allen Menschen) dazu raten, in Sachen KI konsequent am Ball zu bleiben. Die Entwicklung verläuft derartig schnell, dass man wohl schon in fünf Jahren zu den Zurückgelassenen gehören könnte, wenn man sich da verweigert oder prokrastiniert. Sollten die kursierenden Doomsday-Szenarien (mal wieder) nicht eintreffen, wird KI unser aller Leben trotzdem derartig verändern, ob nun positiv oder negativ, dass man mal mindestens „AI-savvy“ sein sollte, wenn man nicht aufs Abstellgleis geraten will.
Im zweiten Teil der Mini-Serie werde ich erzählen, was KIs mit mir als Blogautor machen.
Bleiben Sie mir gewogen, bis bald, Ihr
Ralph Rückert
© Ralph Rückert
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