Von Ralph Rückert, Tierarzt
Social-Media-Posting: „Hallo, die Hündin von meinem Nachbarn sollte heute wegen eines Kreuzbandrisses bei Dr. Mustermann in Beispielshofen operiert werden, aber sie haben das falsche Bein aufgeschnitten…“
Das ist in einem Satz die Darstellung eines der furchtbarsten Fehler in der Chirurgie, der Wrong Site Surgery (WSS), also der Operation an der falschen Stelle. Allein die Vorstellung reicht, um allen Beteiligten einen erhöhten Puls zu verschaffen. Natürlich sagt man da als Laie reflexartig „Kann doch nicht wahr sein! Das geht ja gar nicht!“. Ich verstehe diese Reaktion, weil ich mich noch sehr gut erinnern kann, wie schockiert ich war, als ich zum ersten Mal von solchen tragischen Fällen in Human- und Tiermedizin erfahren habe. Die Folgen eines solchen Fehlers reichen von logischerweise notwendig werdenden Nachoperationen über dauerhafte Behinderungen bis hin zum Todesurteil, letzteres natürlich häufig in der Tumorchirurgie.
Wie ich schon öfter geschrieben habe: Wo immer Menschen irgendwas tun, machen sie auch gelegentlich schwere Fehler mit manchmal ausgesprochen grusligen Folgen. WSS ist sicher ein seltener Fehler, aber doch häufig genug, dass sich die Weltgesundheitsorganisation WHO 2008 dazu veranlasst sah, eine eigentlich ganz banale, präoperative Sicherheits-Checkliste zu veröffentlichen. Eine 2003 durchgeführte anonyme Befragung von 1050 amerikanischen Handchirurgen ergab, dass 21 Prozent (ein Fünftel!) von ihnen schon mindestens einmal an der falschen Hand operiert hatten. Weitere 16 Prozent gaben an, die falsche Seite für einen Eingriff vorbereitet, den drohenden Fehler aber kurz vor knapp noch erkannt zu haben. In mehreren nach dem gleichen Muster aufgezogenen Befragungen ergab sich, dass die Hälfte der befragten Neurochirurgen einräumte, schon mindestens einmal das falsche Wirbelsäulensegment (Wrong Level Surgery) operiert zu haben. Insgesamt, also über alle Fachrichtungen hinweg, gibt es nur Schätzungen für die relative Zahl von Operationen der falschen Körperstelle, die von einem bis fünf Fällen pro 10.000 Eingriffen ausgehen.
Zur Tiermedizin gibt es meines Wissens weder belegbare Zahlen noch irgendwelche Schätzungen. Man muss aber angesichts der Sicherheitsmaßnahmen in der Humanmedizin, die die Patient:innen deutlich und mehrfach in das Procedere einbeziehen, eigentlich davon ausgehen, dass wir in der Tiermedizin, wo man keine eigene Aussage vom Patienten bekommen kann, ein eher noch größeres Problem mit WSS haben dürften. Ich erinnere mich an meine Hüft-TEP-Operation im Oktober 2024, wo ich zwischen der Abholung in meinem Zimmer bis zum Erreichen des Operationsraumes drei- oder viermal nach meinem Namen und nach der zu operierenden Seite gefragt wurde, und das zusätzlich zu einer schon am Vortag vorgenommenen und riesigen Markierung der richtigen Seite mit Filzstift. Ich wurde auch im Vorfeld mehrfach dazu ermutigt, unbedingt den Mund aufzumachen, wenn irgendwie von der falschen Seite geredet wird. Dieses wiederholte Involvieren und Befragen des Patienten funktioniert natürlich bei einem Hund oder einer Katze nicht.
Würde ich als Tierarzt im Sinne der erwähnten Veröffentlichungen gefragt, müsste auch ich einen Fall von Wrong Site bzw. Wrong Sex Surgery einräumen. Sehr früh in meiner Laufbahn wurde telefonisch ein Termin für die Kastration einer uns bis dahin nicht bekannten Kätzin vereinbart. Am Morgen des Termins habe ich die Katze (mit weiblichem Namen) im Hinblick auf ihre Narkosefähigkeit untersucht, das Geschlecht aber nicht spezifisch überprüft, zumal sie einen Impfpass dabei hatte, der ebenfalls auf ein weibliches Tier bezogen war. Erst nachdem ich die Eierstöcke in der geöffneten Bauchhöhle trotz aller Bemühungen nicht auffinden konnte, haben wir endlich mal einen Blick unter das Abdecktuch geworfen, um – man wird es sich schon denken – festzustellen, dass wir nach Ovarien in einem Kater gesucht hatten. Klassischer Verlauf: Man geht fest von einer Voraussetzung aus, die aber nie wirklich überprüft worden ist.
Also, Fazit: WSS ist selten, kommt aber immer wieder vor, mit meist verheerenden Folgen für die betroffenen Patienten. Keine Anstrengung, die Frequenz dieser Fehler zu senken, kann deshalb zu banal sein! Wir Tierärztinnen und Tierärzte tun gut daran, die auf die Tiermedizin übertragbaren Teile der WHO-Checkliste zu beherzigen, ganz besonders den sogenannten Time-Out, bei dem im Team noch einmal kurz rekapituliert wird, was man gleich machen wird, bevor man den ersten Schnitt setzt. Wenn Seitenverwechslungen möglich sind, muss man sich und alle anderen Teammitglieder mehrfach fragen, ob man wirklich richtig ist. Und wir sollten auch immer daran denken, was ein derartiger Fehler neben den schrecklichen Folgen für den Patienten mit uns und unserem Selbstverständnis anstellen kann. Wenn einem sowas passiert, verfolgt einen das für den Rest des Lebens.
Aber auch Sie als Patientenbesitzer:innen ermutige ich ausdrücklich dazu, bei Operationen mit Seitenverwechslungspotential proaktiv die zu operierende Seite zu betonen und ein scharfes Ohr dafür zu haben, wenn vielleicht plötzlich jemand von der falschen Seite redet. Wenn Sie vor der Operation Ihres Tieres eine OP-Aufklärung unterschreiben müssen, dann achten Sie darauf, dass bei der Bezeichnung des geplanten Eingriffs die richtige Seite bzw. die korrekte Körperregion ganz klar benannt ist. Wenn nicht, dann rühren Sie sich unbedingt! Auf keinen Fall unterschreiben mit dem Gedanken „Die werden schon wissen, was sie tun!“. BTW: Sollten Sie keine solche Einwilligung zur Unterschrift vorgelegt bekommen, ist das in meinen Augen per se eine zweifelhafte Sache.
Sie können, dürfen, sollten auch – wenn das nicht eh passiert – im Rahmen etwaiger Voruntersuchungen von sich aus darum bitten, dass die zu operierende Seite bzw. Region dadurch eindeutig markiert wird, dass man dort schon mal ein ordentliches und nicht zu übersehendes Loch ins Fell rasiert. Tut nicht weh, ist blitzschnell passiert und in Sachen WSS-Vermeidung extrem hilfreich! Das gilt auch für einen Sonderfall der WSS, der ganz typisch ist für die Hundemedizin, nämlich die Entfernung mehrerer Hautumfangsvermehrungen (Lipome, Warzen, etc) in einer Sitzung. Dabei kommt es natürlich nicht zur Operation an einer falschen Stelle, aber sehr gern zum Vergessen des einen oder anderen Bollens, der eigentlich raus sollte. Wenn man diese Umfangsvermehrungen im Vorfeld und in Anwesenheit der Besitzer:innen gleich mal alle freirasiert, kann eigentlich nichts mehr schief gehen.
Wird man als Patientenbesitzer:in bei solchen proaktiven Bemühungen zur Vermeidung einer WSS herablassend abgebürstet, so im Sinne von „Zerbrechen Sie sich nicht Ihr Köpfchen, wir haben alles im Griff!“, darf und sollte das meiner Meinung nach durchaus Zweifel daran wecken, ob man sich wirklich in der richtigen Praxis oder Klinik befindet. Wenn eine Kollegin oder ein Kollege felsenfest davon überzeugt ist, dass ihr / ihm sowas nie im Leben passieren könnte, hat sie / er einfach zu viel Selbstbewusstsein!
Abschließend noch zur rechtlichen Würdigung einer Wrong Site Surgery: Da biste als Tierärztin / als Tierarzt auf jeden Fall der Mops! Das ist ein grober Behandlungsfehler, wahrscheinlich der gröbste überhaupt. Da kommt man nicht mehr raus und haftet für alle Folgen, also für alle Nachbehandlungen, für die zwangsläufig notwendige Nachoperation der richtigen Seite, für den Zeitaufwand der Besitzer:innen, einfach für alles. Nur nicht – und das erwähne ich, weil der Gedanke bei öffentlichen Diskussionen tiermedizinische Behandlungsfehler immer gern auftaucht – für Schmerzensgeld für das Tier. Das gibt es nach deutschem Rechtsverständnis nicht.
Bleiben Sie mir gewogen, bis bald, Ihr
Ralph Rückert
Übrigens und falls das nicht klar sein sollte: Dieser Text wurde von einem Menschen, also von mir geschrieben, nicht von irgendeiner Bullshit-KI! Nur die Illustrationen mancher Artikel sind KI-generiert.
© Ralph Rückert
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