Das Vergessener-Hund-Syndrom und der Hitzetod im Auto

Von Ralph Rückert, Tierarzt

Im aufgeheizten Auto auf grässlichste Weise ums Leben kommende Kleinkinder und Hunde haben gerade wieder Saison. Ein Fall, von dem ich um drei Ecken gehört habe, bringt mich dazu, diesen Artikel zu schreiben:

Die Angestellte einer Firma, bei der das Mitbringen von Hunden erlaubt ist, fährt frühmorgens zur Arbeit, geht rein, es eilt, ein schwieriger Vormittag steht an, und erst zu Beginn der Mittagspause fällt ihr auf, dass ihr Hund nicht in dem dafür vorgesehenen Raum ist, sondern morgens von ihr im Auto vergessen wurde. Es ist ein heißer Tag und der Hund schon lange tot.

Das sind die nackten Fakten. Wenn so ein Vorfall öffentlich bekannt wird, über die Polizei oder die Presse, bricht natürlich die übliche und immer gleiche Welle der Empörung los. Meine Titelzeile ist geklaut, auf Hunde bezogen und – um einen unnötigen Anglizismus zu vermeiden – eingedeutscht. Die amerikanische Originalbezeichnung ist „Forgotten Baby Syndrome“, und je mehr man sich mit diesem Phänomen beschäftigt, desto klarer wird, dass es durchaus Fälle gibt, ob nun mit Kindern oder Hunden, in denen selbstgerechte Empörung einfach nicht gerechtfertigt ist, sondern nur tiefes Mitleid.

Ich denke, dass man – ob nun bei Kindern oder Hunden – erstmal ganz grob unterscheiden muss zwischen bewusstem Zurücklassen und Vergessen im Auto. Auch beim bewussten Zurücklassen muss man weiter differenzieren: Es kann mit einem Hund im Auto aus tiermedizinischer Sicht durchaus okay sein, ihn selbst bei 30 Grad im Schatten für drei Minuten zurückzulassen, um beispielsweise eine Jacke aus der Reinigung zu holen. Da passiert nichts, noch nicht mal das geringste Unbehagen beim Hund. Dann gibt es die, die einer fatalen Fehleinschätzung der Witterungsbedingungen zum Opfer fallen. Das passiert besonders gern im Frühling. Es ist bewölkt und richtig kühl, man denkt sich: Überhaupt kein Problem! Plötzlich aber, während man weg ist, reißt der Himmel auf, die Sonne knallt runter, und dann ist das eben doch ein potenziell fatales Problem. Leider gibt es auch noch Menschen, die mit jedem Gedanken an mehr als fünf Minuten in die Zukunft überfordert sind, die manchmal Suppe mit der Gabel zu essen versuchen und allgemein rein gar nichts geregelt bekommen. Denjenigen, die auf eine Fehleinschätzung der Witterung hereinfallen, kann mit sich permanent wiederholender Aufklärung geholfen werden. Bei denen, die auf intellektueller Ebene alltagsüberfordert sind, hilft rein gar nichts, da machste nix dran!

Uns soll es hier aber um das Vergessen im Auto gehen. In Deutschland verfügen wir mangels spezifischer Datenerfassung über keine belastbaren Zahlen zu im Auto am Hitzetod verstorbenen Kindern, zu Hunden natürlich schon gleich dreimal nicht. Wir wissen also nicht, in wie viel Prozent der Fälle ein Kind oder ein Hund einfach vergessen wurde. Zahlen aus den USA geben aber immerhin den Hinweis, dass es sich um mehr als 50 Prozent handeln könnte, und in diesen Fällen sind dann halt Äußerungen wie „Solche Leute sollten keine Kinder (Hunde) haben“ oder „Könnte mir nie passieren!“ völlig fehl am Platze.

Prof. David Diamond von der University of South Florida hat sich intensiv mit dem Forgotten Baby Syndrome auseinandergesetzt und fasst seine Erkenntnisse in einem ganz schlichten Satz zusammen:

„Wenn sie ihr Handy vergessen können, können sie auch ihr Kind (ihren Hund) vergessen!“.

Selbstgerecht zu behaupten, dass einem das niemals passieren könnte, ist einfach ein vermessener Denkfehler. Ohne jetzt allzu sehr in hirnphysiologische Zusammenhänge einzutauchen (wer es genauer wissen will, findet schon ein gutes Angebot an Texten zu dem Thema) kann man feststellen, dass unser Hirn in dieser Hinsicht einfach einen zwar stammesgeschichtlich sinnvollen, aber im besprochenen Zusammenhang potenziell fatalen Konstruktionsfehler aufweist, der eben dazu führen kann, dass man sich in einer Art Autopilotmodus in seinen Alltag stürzt in der festen Überzeugung, dass alles okay wäre, während draußen auf dem Parkplatz das Kind oder der Hund sterben. Es gibt einen ganz hervorragenden und mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Washington-Post-Artikel des Journalisten Gene Weingarten aus dem Jahr 2009 („Fatal Distraction: Forgetting a Child in the Backseat of a Car Is a Horrifying Mistake. Is It a Crime?“), der sich ausführlich mit dem Forgotten-Baby-Syndrom auseinandersetzt. Ich kann den Text nur empfehlen, obwohl er natürlich auf Englisch und hinter einer Bezahlsperre ist. Aber Vorsicht! Er ist in Teilen wirklich herzzerreißend!

Ohne also im Rahmen dieses kurzen Blogartikels weiter in die Tiefe zu gehen, können wir festhalten, dass uns das (sowohl mit Kindern als auch mit Hunden) allen passieren kann. Mir bzw. uns ist es sogar schon passiert, allerdings andersrum: Vor vielen Jahren, unsere Tochter war noch kein Jahr alt, wollten wir von unserem damaligen Wohnort in Augsburg für ein paar Tage ins Allgäu zu meinen Eltern fahren. Das Auto wurde beladen, die Tochter in den Kindersitz geschnallt, und los ging es. Nach guten drei Kilometern aber fiel uns endlich auf, dass unser Dackel Watzmann nicht im Auto war, obwohl wir Stein und Bein geschworen hätten, dass wir ihn eingeladen hatten. Watzmann aber saß derweil – von uns vergessen, darob sehr unglücklich und von einer kleinen Menschentraube umgeben – auf dem Bürgersteig einer sehr lebhaften städtischen Hauptstraße (mit Tramlinie). Gottseidank war er darauf trainiert, bei Kontaktverlust mit uns einfach da zu bleiben, wo er war, und das hat er in diesem Fall perfekt so gemacht, so dass nichts passiert ist. Der Vorfall verfolgt uns bis heute. Immer wieder, wenn wir irgendwo losfahren, fragt einer von uns: Ist der Hund im Auto?

Nun, wenn wir akzeptieren, dass uns allen sowas passieren kann (und alles andere wäre halt hochgradig irrational), müssen wir uns fragen, was wir dagegen tun können. Ich persönlich bin da ein Stück weit im Vorteil, weil unser Auto eine Alarmanlage mit Innenraumüberwachung hat. Würden wir Pacman vergessen, würde er diese zwangsläufig über kurz oder lang auslösen. Ansonsten können wir ja davon ausgehen, dass die allermeisten Hunde entweder angeschnallt auf dem Rücksitz oder in einer Hundebox transportiert werden. Gerade die Boxen sind wohl das größte Risiko für ein Vergessen, weil der darin befindliche Hund meist nicht im direkten Blickfeld ist. Experten raten dazu, ganz bewusst eine Art von Stolperstein für das im Autopilotmodus befindliche Gehirn einzubauen, zum Beispiel dergestalt, dass man Leine und Halsband auf den Beifahrersitz legt oder eine mitgeführte Tasche ganz gezielt (und immer!) neben die Hundebox platziert. Ich denke, dass man sich da individuell sicher noch andere Methoden einfallen lassen kann. Wichtig ist eben, dass dieser autonome Teil des Hirns, der in bestimmten Situationen die Oberhand hat, einfach kurz unterbrochen wird, damit die Erinnerung an Kind oder Hund wieder einsetzt.

Und ansonsten sollten wir alle mit empörten Reaktionen auf im Auto vergessene Hunde und Kinder in Anbetracht der wissenschaftlichen Erkenntnisse zu solchen schrecklichen Vorfällen ein bisschen zurückhaltend sein. Es gibt sicher Fälle, wo die Empörung gerechtfertigt ist, aber – wie erwähnt – mehr als die Hälfte mag auf hirnphysiologische Fehlfunktionen zurückzuführen sein, gegen die niemand von uns immun ist.

Noch ein Hinweis, der über den Tellerrand der Tiermedizin hinausschaut: In Italien sind Kindersitze vorgeschrieben, die Alarm schlagen, wenn man das Auto verlässt, während das Kind noch im Sitz ist. Solche Kindersitze muss es also geben, und da könnte man sich ja mal Gedanken drüber machen, wenn eine Neuanschaffung ansteht.

Bleiben Sie mir gewogen, bis bald, Ihr

Ralph Rückert

Übrigens und falls das nicht klar sein sollte: Dieser Text wurde von einem Menschen, also von mir geschrieben, nicht von irgendeiner Bullshit-KI! Nur die Illustrationen mancher Artikel sind KI-generiert.

© Ralph Rückert

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