Halten wir zu viele Hobby-Tiere?

Von Ralph Rückert, Tierarzt

Um die Frage gleich zu beantworten: Meiner Meinung nach ja! Viel zu viele! Und das durchaus mit schwerwiegenden Folgen, was Fragen des Tierschutzes angeht. Wir Hobby-Tierhalter:innen haben uns ja daran gewöhnt, die großen Tierschutzskandale unserer Zeit in der Nutztierhaltung zu verorten, übersehen aber geflissentlich, was sich diesbezüglich in unseren Wohnungen und Häusern abspielt, mit Tieren, deren Haltung nicht sein müsste, die wir uns also nur zugelegt haben, um unseren persönlichen Neigungen zu folgen.

Mal eine kurze Begriffsbestimmung, damit wir im weiteren Verlauf nicht durcheinanderkommen: Ich bezeichne in diesem Text alle Tiere, die ohne wirtschaftlichen Hintergrund bzw. ohne Gewinnerzielungsabsicht gehalten werden, als Hobbytiere, was also auch die meisten Pferde einschließt. Der Zentralverband der Heimtierbranche (ZZF), auf dessen statistische Zahlen wir gleich zurückgreifen werden, bezeichnet diese Hobbytiere (ohne Pferde!) pauschal als Heimtiere. Das kollidiert mit der Gewohnheit unseres Berufsstandes, mit dem Begriff „Heimtiere“ speziell die Kleinsäuger wie Kaninchen, Meerschweinchen, Hamster, Ratte und Co. anzusprechen. Der ZZF nennt diese Tierarten wiederum „Kleintiere“, was für uns Tierärzt:innen seltsam klingt, weil wir unter „Kleintiere“ alles zusammenfassen, was gleich oder kleiner als ein Hund ist, siehe „Kleintierpraxis“ als Bezeichnung für eine Praxis, die mehr oder weniger alles behandelt außer Nutztiere und Pferde.

Nach den Zahlen des ZZF für 2024 lebten  33.9 Millionen Hobbytiere in deutschen Haushalten. Dazu müssen wir noch ca. 1.25 Millionen Pferde rechnen, so dass wir von 35 Millionen Hobbytieren ausgehen können. 44 Prozent aller Haushalte halten mindestens ein Hobbytier. In 69 Prozent der Haushalte mit Kindern lebt auch mindestens Tier. Deutschland gehört damit zu den „tierliebsten“ Ländern der Welt.

Die Anführungszeichen für „tierlieb“ verwende ich deshalb, weil ich nach 35 Jahren als Tierarzt für Kleintiere bzw. Hobbytiere der Meinung bin, dass man diese Zahlen nicht feiern, sondern eher als Indiz für eine massive Tierschutzkatastrophe werten sollte.

In meinen Augen werden Millionen und Abermillionen von Tieren, die eigentlich nicht gehalten werden sollten, von Millionen und Abermillionen von Leuten gehalten, die besser keine Tiere halten sollten!

Dabei kommt es in der Summe zu einer geradezu atemberaubenden Zahl von übelsten Tierschutzverletzungen, die nur deshalb nicht weiter auffallen, weil sie sich ganz diskret innerhalb der privaten vier Wände abspielen.

Also, wir haben Tiere, die nicht als Hobbytiere gehalten werden sollten, und da erlaube ich mir eine radikale Sichtweise: Wenn ein Tier nicht freiwillig bei mir bleibt, lebt es letztendlich in Gefangenschaft und meist trotz aller abenteuerlicher Definitionsverrenkungen bezüglich des Begriffs „artgerechte Haltung“ absolut nicht unter Umständen, die seiner natürlichen Lebensweise auch nur annähernd entsprechen würden. Wir Menschen haben uns viel zu sehr daran gewöhnt, Tiere, die uns aus irgendwelchen Gründen gefallen, einzufangen oder gleich für ein elendes Leben in Gefangenschaft zu züchten. Wer je einen Schwarm Wellensittiche in Australien gesehen hat, kann sich doch wirklich nicht mehr vormachen, dass ein Käfig oder eine Voliere – egal welcher Größe – irgendwas mit der natürlichen Lebensweise dieser Tiere zu tun haben kann. Wer je das Treiben einer Wildkaninchenkolonie in der Abenddämmerung beobachtet hat, für den muss doch glasklar sein, dass noch so großzügig formulierte Mindestanforderungen an die Haltung dieser Tiere nur ein lächerlicher Abklatsch des Lebens in Freiheit sein können. Ich könnte jetzt seitenlang weitermachen und auf alle möglichen Tierarten eingehen, aber ich denke, dass klar ist, was ich meine.

Dazu kommt, dass gerade diese Tierarten, die meiner Meinung nach überhaupt nicht gehalten werden sollten, extrem häufig von Menschen gehalten werden, die dafür weder geeignet noch ausgestattet sind, sei es in Sachen Bildung, Wissen und IQ, sei es in Anbetracht ihrer Lebensumstände oder sei es in finanzieller Hinsicht. Was die Haltung dieser Heimtiere (siehe Definition oben) und der Exoten (Reptilien, Amphibien, etc.) angeht, ist unser viel gerühmtes Tierschutzgesetz mit seiner wohlklingenden Forderung nach „artgerechter Haltung“ reine Makulatur, denn Gesetze, deren Befolgung man weder kontrollieren kann noch will, sind halt von vornherein für die Tonne. Jede und jeder kann sich einen Vogel, ein Meerschweinchen, ein Kaninchen kaufen. Irgendein noch so niederschwelliger Nachweis von Sachkenntnis ist nicht erforderlich. Ab dem Moment des Kaufes interessiert es letztendlich niemand mehr, was dann passiert. Und so kommt es, dass man als Tierärztin bzw. Tierarzt über die Tierschutzverletzungen in diesem Bereich wirklich sein ganzes Leben lang nur noch kotzen könnte. Das millionenfache Tierleid, das sich da ganz im Privaten abspielt, ist in seinen Ausmaßen wirklich ungeheuerlich und muss den Vergleich mit den Zuständen in der Nutztierhaltung wirklich nicht scheuen. Es wäre enorm viel gewonnen, wenn man einen ganz einfachen Grundsatz befolgen würde: Finger weg von Tieren, die man einsperren muss!

Hund und Katze sind die einzigen Tierarten, die sich freiwillig dem Menschen angeschlossen haben und für die das Zusammenleben mit uns (ursprünglich zum gegenseitigen Nutzen!) ihre ganz spezielle „Marktnische“ darstellt. Aber auch sie werden halt leider häufig von Menschen gehalten, die dafür einfach nicht geeignet bzw. ausgestattet sind, weil auch hier die Anschaffung ohne jedes Basiswissen, einfach aus einem Impuls heraus, ohne einen Gedanken an die Folgen, möglich ist. Und so sieht man halt Hunde (Lauftiere!), die ihr ganzes Leben an der kurzen Leine verbringen, Katzen (und natürlich Hunde), denen die Zähne bei lebendigem Leib aus dem Maul faulen, weil die Tausender, die die Behebung des Problems kosten kann, halt nie (neben Iphone, Netflix-Abo und Mallorca-Urlaub) eingerechnet worden sind, Hunde, die jeden Tag acht, neun oder zehn Stunden alleine zuhause rumhocken, Qualzuchten beider Tierarten, die ihr ganzes Leben „süß“ vor sich hin leiden dürfen, einfach weil es ihren ignoranten Besitzer:innen so gefällt. Auch bei Hunden und Katzen, also im absolut dominanten Bereich der Kleintierpraxis, wird einem als Tierarzt oft genug speiübel bei dem, was man da so zu sehen bekommt. Beide Tierarten müssen – speziell in den letzten 100 Jahren – einen sehr hohen Preis dafür bezahlen, dass sie ihr Schicksal so eng mit uns Menschen verknüpft haben.

Kommen wir zum Pferd, also einem Bereich, wo mir als Kleintierpraktiker die Erfahrung fehlt. Pferdepraktiker:innen schildern aber reihenweise, dass auch diese Tierart oft genug nicht mal ansatzweise korrekt gehalten und versorgt wird. Je teurer die reinen Unterbringungskosten werden, desto abenteuerlicher teilweise die Haltungsbedingungen. Viele der Tiere stehen die ganze Woche in ihren dunklen und verratzten Boxen und warten auf die zwei, drei Stunden am Wochenende, wo mal was passiert. Und wenn sie – oft genug eben aufgrund lächerlich schlechter Haltung und falscher Belastung – dann eine Kolik oder ein orthopädisches Problem bekommen, fällt man aus allen Wolken über die entstehenden Kosten. Und auf der anderen Seite der Pferdehaltung, im „Sport“ also, werden die armen Viecher hinter der Hochglanzfassade offenbar oft genug und weit verbreitet mit Mitteln zu Leistung gebracht, die sich ein normaler Mensch gar nicht vorstellen kann und mag. Auch das wieder so richtig schön zum Kotzen!

Wenn ich also aktuell in so gut wie allen Diskussionen zur 2022 novellierten Gebührenordnung für Tierärztinnen und Tierärzte die düstere Prophezeiung lese, dass die Hobby-Tierbestände durch die gestiegenen Gebühren deutlich zurück gehen werden, so kann ich nur sagen: Gut so! In Deutschland ist es definitiv viel zu einfach, mit dem Hobby Tierhaltung anzufangen, ohne auch nur den blassesten Schimmer davon zu haben. Das dadurch verursachte Leid quer durch alle Hobbytierarten ist schwindelerregend! Je mehr die (natürlich nicht nur tiermedizinischen) Kosten eine abschreckende Rolle übernehmen, desto besser im Sinne des Tierschutzes! Auf irgendeine Einsicht des Gesetzgebers, dass vor der Anschaffung eines Lebewesens zu Hobby-Zwecken eigentlich ein Sachkundenachweis erforderlich sein müsste, kann man ja allemal warten und hoffen, bis die Hölle zufriert.

Bleiben Sie mir gewogen, bis bald, Ihr

Ralph Rückert

 

Übrigens und falls das nicht klar sein sollte: Dieser Text wurde von einem Menschen, also von mir geschrieben, nicht von irgendeiner Bullshit-KI! Nur die Illustrationen mancher Artikel sind KI-generiert.

© Ralph Rückert

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