Preistreiber Gerätetiermedizin

Von Ralph Rückert, Tierarzt

Ein Kommentar auf Facebook:

„Ganz sicher zahle ich für Wissen, Erfahrung und Sicherheit gerne mehr. Was ich mich frage ist, wieso Diagnosen heute mit unzähligen verschiedenen Geräten gestellt werden müssen, dazu noch Laborwerte. Geht diagnostizieren heutzutage nicht mehr, ohne etliche Geräte hinzuzuziehen? Und wenn, warum ist das so?“

Das ist eine schöne und aus der Sicht einer Person, die den Einsatz diagnostischer Technik bezahlen muss, keineswegs unberechtigte Frage! Ich bin froh, sie beantworten zu können. Der Begriff „Gerätemedizin“ wabert ja – meist in einem mehr oder weniger kritischen Kontext – durch viele Diskussionen um Tier- und Humanmedizin.

Würde ich gebeten, die Frage „Warum ist das so?“ in aller Kürze zu beantworten, würde ich sagen: Weil es voll und ganz im Interesse unserer Patienten ist, weil dadurch die Quote an Fehldiagnosen entschieden gesenkt wird – mit ganz offensichtlichen Vorteilen für die Patienten, denen damit gezielter und frühzeitiger geholfen werden kann – und weil es nicht zuletzt in vielen Fällen auch den Tierschutz verbessert, indem es Leiden verkürzt oder ganz verhindert! Gerade in der Tiermedizin arbeiten wir ja mit Patienten, die nicht verbal mit uns kommunizieren können. Im Gegensatz zu den Humanmediziner:innen, die das von einer Krankheit betroffene Organsystem oft mit ein paar Sätzen schon vor einer Untersuchung eingrenzen können, stochern wir anfangs oft genug im Dunkeln.

Aber gehen wir doch noch ein bisschen mehr ins Detail. Mir ist in dieser Frage die Formulierung „mit unzähligen verschiedenen Geräten“ aufgefallen. Stimmt das denn? Ich sage nein! In der Alltagsdiagnostik, die weit über 90 Prozent aller Fälle abdeckt, sind eigentlich routinemäßig nur drei gerätetechnische Verfahren im Einsatz, die es auch schon ziemlich lange gibt: Labordiagnostik (also meist Blut- und Urinuntersuchungen), Sonographie (Ultraschall) und Röntgen. Allerdings kommen diese drei Verfahren häufiger und schneller zur Anwendung als früher, einfach aus dem oben genannten Grund: Die Wahrscheinlichkeit für einen frühzeitigen diagnostischen Volltreffer wird dadurch drastisch erhöht, und das ist einfach voll und ganz im Interesse unserer Patienten. Eine Rückkehr zur bauchgefühligen Rätselraterei von früher kann sich niemand ernsthaft wünschen. Man denke nur daran, wie oft wir vor 25 oder 30 Jahren Bäuche aufgeschnitten haben, um zu gucken, was da im Argen lag. Geschätzt 90 Prozent dieser sogenannten diagnostischen Laparotomien wurden durch den routinemäßigen und kompetenten Einsatz der Sonographie hinfällig, ein unschätzbarer und natürlich auch tierschutzrelevanter Gewinn für unzählige Patienten. Das Gleiche gilt für die bei Darmverschlussverdacht früher notwendigen und extrem strahlenbelastenden Kontrastmitteluntersuchungen.

Auch die spezielleren Verfahren, die sich in den letzten Jahrzehnten verbreitet haben, erhöhen die diagnostische Genauigkeit ganz massiv und ersparen den Patienten oft tage- und wochenlange Leidenswege. Schichtbildverfahren (CT und MRT) ermöglichen Diagnosen, die früher entweder gar nicht oder nur unter Akzeptanz relativ hoher Risiken möglich waren. Um nur ein Beispiel anzuführen: Mit einem MRT ist ein Bandscheibenvorfall schnell diagnostiziert und eindeutig lokalisiert, was früher nur durch Röntgen in Kombination mit Kontrastmitteleinbringung in den Rückenmarkskanal möglich war, eine für den Patienten reichlich riskante und unangenehme Sache.

Thema Erfahrung, für die die Fragestellerin „gerne mehr“ bezahlen will : Ja, durchaus richtig, je erfahrener eine Tierärztin oder ein Tierarzt ist, desto eher werden sich ihre bzw. seine auf eine gründliche körperliche Untersuchung beruhenden Verdachtsdiagnosen bestätigen. Man beachte die Worte „Verdachtsdiagnose“ und „bestätigen“, denn die Bestätigung einer Verdachtsdiagnose, die früher halt vielfach nicht stattgefunden hat, ist heute – unter Verwendung der genannten Verfahren – eher obligatorisch, um das Trial-and-Error-Prinzip aus der Therapie möglichst zu eliminieren. Die diagnostische Basis-Maschinerie (Röntgen, Sono und Labor) sorgt darüber hinaus – und das halte ich für sehr wichtig – dafür, dass persönliche Erfahrung nicht mehr die entscheidende Rolle spielt wie in der Vergangenheit, dass also auch unerfahrenere Kolleginnen und Kollegen zu den gleichen diagnostischen Erfolgen kommen können wie die alten Hasen, manchmal sogar zu besseren, wenn nämlich diese Hasen den Stellenwert ihrer Erfahrung überschätzen.

Die Medizin ist in erster Linie eine Wissenschaft. Wissenschaft entwickelt sich ständig weiter, strebt immer nach vorne, ist immer auf der Suche nach dem Besseren, das bekanntermaßen der Feind des Guten ist. Als alter Hase sage ich: Wir lagen mit unseren auf Erfahrung beruhenden Ratespiel-Diagnosen von früher relativ häufig richtig. Trotzdem schaudert es mich beim Durchlesen alter Karteikarten ob der Zahl an erst jetzt im Rückblick klar ersichtlichen Fehldiagnosen oder ungerichteten Behandlungen, die nur mit Glück funktioniert haben. Wir haben damals tatsächlich viel zu oft nach dem Motto gehandelt: Okay, geben wir mal ein Antibiotikum, und wenn das nicht hilft, auch noch ein bisschen Kortison, dann wird’s schon wieder werden!

Natürlich gibt es auch so was wie Überdiagnostik. Allerdings wird dieser Vorwurf immer in rückblickender Scharfsichtigkeit dann erhoben, wenn man Röntgen, Sono, Labordiagnostik oder sonstwas angewendet hat und nichts dabei rausgekommen ist. Übersieht man dagegen was, weil man auf diese Standardtechniken verzichtet hat, gibt es ganz schnell Ärger. Womit wir bei einem weiteren entscheidenden Punkt wären: Wir haben es heutzutage viel häufiger als früher mit Patientenbesitzer:innen zu tun, die echte oder vermeintliche Fehldiagnosen gerne über juristische Schritte oder Hasspostings im Netz „aufarbeiten“. Man ist also als Tierarzt heutzutage gut beraten, seinen Scheiß beinander zu haben, damit man nicht plötzlich vor Gericht von einem Sachverständigen in vorwurfsvollem Ton gefragt wird, warum man in diesem oder jenen Fall denn nicht geröntgt, geschallt oder Blut untersucht hat. Aus dem stetigen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn entsteht nun mal immer ein aktueller Stand der Wissenschaft (state of the art), an dem man sich bei allem, was man für einen Patienten tut, wohlweislich orientieren sollte, wenn man nicht eine zwischen die Hörner bekommen will.

Ein paar einfache Fallbeispiele zur Verdeutlichung:

-Wurde ein Tier mit dem Vorbericht Schluckbeschwerden und Futterverweigerung vorgestellt und sah man bei der klinischen Untersuchung einen stellenweise geröteten Rachen und vergrößerte Mandeln und stellte auch noch erhöhte Temperatur fest, hat man früher schnell mal die Diagnose einer Rachenentzündung gestellt und einfach mit Antibiotika und Schmerzmitteln behandelt. Das konnte sogar zu einer kurzfristigen Besserung der Symptome führen. Die eigentliche Ursache aber (siehe Titelfoto des Artikels) wurde dann oft erst deutlich später und nach tagelang fortbestehendem Leiden des Tieres festgestellt. Unschön!

-Ein Kater wurde wegen einer plötzlich aufgetretenen Lahmheit auf einem Vorderbein vorgestellt. Am Unterarm fand sich eine kleine, eitrige Wunde. Klare Sache: Bissverletzung nach Katerkampf, wieder Schmerzmittel und Antibiotika, dann wird sich das gleich haben. Denkfehler: Erst nach mehr als zweiwöchigem Fortbestehen der Lahmheit wurde endlich geröntgt, und es fand sich der abgebrochene und tief in den Knochen eingebettete Eckzahn des Kampfgegners, der natürlich operativ entfernt werden musste, bevor wieder alles gut war. Dumm gelaufen!

-Eine Katze wurde wegen reduziertem Allgemeinbefinden, Bewegungsunlust und Schmerzhaftigkeit im mittleren Rückenbereich vorgestellt. Rechtsseitig der oberen Lendenwirbelsäule war wieder eine kleine, vereiterte Wunde zu finden. Auch in diesem Fall hätte man gut und gerne von einer Kampfverletzung ausgehen können. Die angefertigten Röntgenbilder zeigten aber ein Diabolo-Luftgewehrgeschoß, das offenbar in der rechten Niere steckte. Die gleichzeitig veranlasste Blutuntersuchung ergab neben einer Leukozytose (zu viele weiße Blutkörperchen) eine deutliche Azotämie (Ansammlung von harnpflichtigen Substanzen im Blut), was nahelegte, dass das Nierenbecken durch das Geschoß verletzt worden war und Harn in die Bauchhöhle austrat. Dieser Gedankengang wurde durch den sonographischen Nachweis freier Flüssigkeit in der Bauchhöhle bestätigt. Das Leben des Tieres wurde durch eine Operation gerettet. Man stelle sich aber vor, was passiert wäre, wenn man da ganz lässig und „erfahrungsbasiert“ eine Kampfverletzung unterstellt und entsprechend nur mit Antibiotika und Schmerzmitteln behandelt hätte.

Zwei andere Bereiche, in denen technische Weiterentwicklungen zu höheren Gebühren geführt haben, sind die Zahnmedizin und die Anästhesie. Wo man früher bei einer Zahnsanierung den Zustand der Zähne und des Zahnhalteapparats nur grobsinnlich beurteilt hat, gilt es heute als Kunstfehler, überhaupt an den Zähnen rumzumachen, ohne vorher Zahnröntgenaufnahmen anzufertigen. Und wo früher Fire-and-Forget-Narkosen mit drei Kreuzzeichen und ohne jede Narkoseüberwachung Standard waren, geht es heute ohne ein sogenanntes (und teures!) Monitoring gar nicht mehr, wenn man nicht nach jedem zweiten Narkosezwischenfall vor Gericht landen will.

Fazit: Wenn sich in der Medizin eine bestimmte Vorgehensweise zweifelsfrei als Verbesserung für die Patienten erwiesen hat, gibt es kein Zurück mehr. Ein Verzicht auf ein definitiv besseres, sichereres, schnelleres oder mit weniger Leiden verbundenes Verfahren ist ab einem bestimmten Punkt einfach nicht mehr zu rechtfertigen. Ich gehe davon aus, dass das für jede und jeden nachvollziehbar sein sollte, denn es ist im Interesse unserer Patienten, also Ihrer Haustiere.

Bleiben Sie mir gewogen, bis bald, Ihr

Ralph Rückert

© Ralph Rückert

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