Von Ralph Rückert, Tierarzt
In den letzten Monaten haben mich wieder mehrere Fragen von Tierbesitzer:innen zu Wärmemattenverbrennungen bei Operationen erreicht. Man hat den Eindruck, dass sowas im Winter häufiger als im Sommer vorkommt. Nun, wie auch immer: Das Thema ist offenbar immer noch nicht vom Tisch, so dass ich diesen immerhin auch schon wieder fünf Jahre alten Artikel in überarbeiteter Form reaktiviere.



Die Fotos zeigen den zwar erfreulichen, aber sich über viele Wochen und Behandlungstermine ziehenden Heilungsverlauf einer großflächigen Verbrennung dritten Grades auf dem Rücken eines kleinen Hundes. Diese Verbrennung ist während eines Eingriffs in Narkose entstanden. Das kann auf zweierlei Art passieren: Zum einen (und eher selten) durch die sogenannte Neutralelektrode eines Hochfrequenzchirurgiegerätes, zum anderen (und deutlich häufiger) durch die zu hohe Temperaturabgabe einer Wärmematte, wie sie zum Erhalt der Körpertemperatur der Patienten während Narkosen verwendet wird.
Das ist ein klassischer Fall! Kommt zwar insgesamt eher selten vor, aber doch häufig genug, dass wir Tierärzt:innen alle einen echten Horror davor haben. Den Gedanken, dass man das während der OP zwangsläufig bemerken oder gar riechen müsste, kann man gleich vergessen. Schon eine geringfügig zu hohe Temperatur (42 Grad plus) der Wärmematte kann solche schweren Schäden verursachen . Durch die lange Einwirkzeit und die Minderdurchblutung der auf der Matte aufliegenden Hautpartien kommt es zu einer meist (je nach Fellstruktur und Haarlänge) erst nach Tagen zu bemerkenden, aber extrem schmerzhaften und tiefreichenden Hautnekrose (Gewebeuntergang). Ursache ist meist technisches oder menschliches Versagen, also zum Beispiel ein Defekt des Mattenthermostaten oder ein versehentliches Verstellen desselben.
In meiner Praxis ist das nie passiert (drei Kreuzzeichen!), aber man lebt bei der Anwendung elektrischer Wärmematten immer in der Angst vor einem Fehler oder einem Versagen der Technik. Nur als Beispiel: In einem Fall, von dem ich neulich gehört habe, war am Vortag einer Operation ein Techniker des Wärmemattenherstellers in einer Praxis und hat nach der Funktionsprüfung den Regler unglücklicherweise auf höchster Stufe stehengelassen, was vor der Lagerung des Patienten auf der Matte niemand bemerkte. Und schon war es passiert!
Warum wird ein Narkose-Patient überhaupt aktiv gewärmt? Die Körpertemperatur sinkt aus verschiedenen Gründen während eines Eingriffs in Vollnarkose immer mehr oder weniger schnell ab, was aus medizinischer Sicht absolut unerwünscht und möglichst zu vermeiden ist, da es gravierende negative Folgen für den gesamten Organismus nach sich zieht und das allgemeine Narkose- und OP-Risiko deutlich erhöht. Die rein passiven Maßnahmen gegen Auskühlung (Söckchen an den Pfoten, isolierende Unterlagen oder die Verwendung von Decken über dem Rumpf) reichen allenfalls für sehr kurze Eingriffe aus. Dauert die Narkose länger, kann die normale Körpertemperatur nur durch zusätzliche aktive Wärmezufuhr gehalten werden.
Es ist mir sehr wichtig, dass Sie diesen Punkt wirklich verstehen, bevor Sie gleich mit „Geht gar nicht!“ in empörte Schnappatmung verfallen! Eine Verbrennung wie die in den Fotos dargestellte ist letztendlich die extrem unglückliche Folge einer eigentlich wirklich wichtigen, gut gemeinten Bemühung und trifft einen auch als verantwortlicher Tierarzt mitten ins Herz. In einer Praxis, die sich einen feuchten Kehricht um die Erhaltung der Körpertemperatur der Patienten schert, kann so ein Unfall logischerweise gar nicht erst passieren. Das ist aber trotzdem überhaupt nicht gut! Ohne aktive Wärmezufuhr geht es nach heutiger Auffassung einfach nicht! Es kann – wenn man da als Tierbesitzer:in irgendwelche Zweifel hat – durchaus Sinn machen, vor einem geplanten operativen Eingriff an seinem Tier nach dem Wärmemanagement der betreffenden Praxis oder Klinik zu fragen.
In einem Punkt beißt die Maus allerdings keinen Faden ab: Wenn es zu so einem Unfall in all seiner Schrecklichkeit für den Patienten, seine Besitzer UND die Tierärztin / den Tierarzt kommt, haftet man als Tierarztpraxis in der Regel voll und ganz für die aufgrund der dann nötigen langwierigen Behandlung meist sehr teuren Folgen. Würde das in meiner Praxis passieren, müsste deshalb niemand zum Anwalt rennen. Ich würde den ganzen Vorgang mit schwerer Zerknirschung und unter dem Ausdruck meines größten Bedauerns postwendend meiner Haftpflichtversicherung übergeben und von dieser natürlich erwarten, dass sie die aus dem Hautschaden entstehenden Behandlungskosten vollumfänglich übernimmt.
Aus den in der Einleitung schon erwähnten Anfragen diverser Tierbesitzer:innen geht aber leider hervor, dass die Verantwortung für solche Verbrennungen von den betreffenden Praxen oder Kliniken oft rundheraus zurückgewiesen wird. Dafür habe ich überhaupt kein Verständnis! Ich kann Tierhalter:innen, die ein paar Tage nach einem operativen Eingriff an ihrem Tier großflächige Hautveränderungen wie auf den Fotos feststellen, nur raten, bei solch einem unerfreulichen Verhalten sogleich eine möglichst qualifizierte Zweitmeinung einzuholen und die festgestellten Befunde auch ausführlich dokumentieren zu lassen, damit man für eine zu befürchtende juristische Auseinandersetzung gut gerüstet ist.
Gibt es eine Methode der aktiven Erwärmung, die sich allen anderen als überlegen erwiesen hat? Ja, gibt es, nämlich spezielle Unterlagen und Decken, die von einem Warmluftgebläse mit erwärmter Luft durchströmt werden, siehe Titelfoto des Artikels. Mit diesen sogenannten konvektiven Wärmemanagement-Systemen sind Verbrennungsschäden ausgeschlossen. Zudem ist die temperaturerhaltende Wirkung auf den Patienten der von elektrischen oder mit Wasser betriebenen Wärmematten haushoch überlegen.
Nachdem ich bezüglich dieser konvektiven Systeme lange ein ungutes Gefühl hatte, weil die aus der Humanmedizin kommenden Unterlagen und Decken sehr teure Wegwerfartikel und dementsprechend von jeglicher Nachhaltigkeit weit entfernt sind, ist dieser Einwand durch die Markteinführung waschbarer Unterlagen bzw. Decken speziell für die Tiermedizin schon seit Jahren vom Tisch. Die Kosten solcher Systeme sind also inzwischen so überschaubar geworden, dass sie absolut kein Argument gegen die Verwendung mehr darstellen. Ich würde sogar so weit gehen, es als ziemlich schlechtes Zeichen zu sehen, wenn eine chirurgisch tätige Praxis oder Klinik diese Technik NICHT vorhält.
Bleiben Sie mir gewogen, bis bald, Ihr
Ralph Rückert
Übrigens und falls das nicht klar sein sollte: Dieser Text wurde von einem Menschen, also von mir geschrieben, nicht von irgendeiner Bullshit-KI! Nur die Illustrationen mancher Artikel sind KI-generiert.
© Ralph Rückert
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