Von Ralph Rückert, Tierarzt
Unter meinem Artikel zur (meiner Meinung nach zu exzessiven und zu unkontrollierten) Hobbytierhaltung hat jemand diesen Kommentar gepostet:
„Menschen wie Sie sind echt das Letzte sich erst Jahrzehntelang eine goldene Nase an zahlreichen Tierhaltern verdienen die wirklich alles für ihre tun und dann hochtrabend daherkommen und sich als Tierschützer aufspielen während ihre Gesinnungsgenossen gerade live in aller Öffentlichkeit einen Wal quälen der einfach nur in Ruhe sterben möchte und Wölfe auf unschuldige Weidetiere loslassen.“
Lassen wir jetzt einfach mal beiseite, dass dieser kurze Text in seiner Distanzlosigkeit, seiner Übergriffigkeit, seiner unterirdischen Orthografie und seinem Sinngehalt fast schon archetypisch ist für die heute gültige Grundregel, dass sich Dummheit einfach nicht mehr genug schämt, um einfach die Füße still zu halten, so bleibt doch die Tatsache, dass die Verfasserin mir in Bezug auf Wale und Wölfe eine bestimmte Meinung unterstellt. Diese Gelegenheit nehme ich einfach mal wahr, um mich zu beiden Themen kurz zu äußern. Wenn das jemanden überhaupt nicht interessieren sollte (was ich überhaupt nicht übel nehmen würde), dann wäre im Sinne von Lebenszeitökonomie genau jetzt der perfekte Zeitpunkt zum Ausstieg aus diesem Artikel.
Also, zum Buckelwal in der Ostsee: Ich bin KEIN „Gesinnungsgenosse“ der Personen, die sich jetzt seit Wochen an dem armen Tier abarbeiten! Es gab von Anfang an (meiner Meinung nach sehr sachkundige!) Beurteilungen, die die Erfolglosigkeit aller Rettungsbemühungen vorhergesagt haben. Als Tierarzt leuchtet mir voll und ganz ein, dass ein Wal, dem ein Treibnetz im Maul teilweise eingewachsen ist und von dort in unbekannte Tiefen des Verdauungstraktes reicht, dem Tod geweiht und einfach am Ende ist. So etwas stellt ja schließlich eine höchst qualvolle Be- oder Verhinderung einer ausreichenden Nahrungsaufnahme dar. Nach meiner schlichten tiermedizinisch-ethischen Logik gibt es also eigentlich nur drei Möglichkeiten: Man bekommt entweder dieses Netz irgendwie raus, was aber nach allem, was wir wissen, wohl nicht möglich ist und auch im Erfolgsfall eine ungewisse Prognose hätte, weil man ja nicht weiß, was der Fremdkörper und die resultierende langfristige Unterernährung schon für Schäden angerichtet haben. Oder man lässt das Tier in Ruhe sterben. Oder man entschließt sich zur Beendigung dieses endlosen Leidens und tötet den Wal. In meiner tiermedizinischen Gedankenwelt wäre die letzte Lösung von Anfang an die beste gewesen. Blöd nur, dass die Euthanasie eines Buckelwals dieser Größe nicht so abläuft, wie jetzt vielleicht viele von Ihnen denken, also durch die bei Haustieren übliche Injektion von überdosierten Narkosemitteln. Große Wale werden in der Regel durch eine am Kopf angebrachte Sprengladung betäubt und getötet, und das ist natürlich ein Vorgang, den keine der lokal verantwortlichen Personen zu Beginn der Sommersaison direkt vor seinen Badestränden haben will. Das ist meiner Meinung nach auch der Grund, dass das Verbringen des vor sich hin sterbenden Tieres in tieferes Wasser immer so schönfärberisch als „Rettung“ verkauft wird. Die Devise dabei ist wohl eher: Stirb doch bitte woanders, wo es niemand mitbekommt und wo um Himmels Willen keine tonnenschwere Sauerei vor unseren Ostseestränden entsteht!
Alles in allem habe ich die Ereignisse mit – zumindest anfänglich – ziemlich viel emotionaler Distanz beobachtet. Natürlich sind Wale faszinierende Tiere und ganz nach Orwell irgendwie „more equal than others“. Trotzdem: Es sterben jeden Tag mehr als 2000 Menschen in Deutschland. Und es werden jeden Tag mehr als 2 Millionen Nutztiere in Deutschland geschlachtet, ohne dass jemand auch nur zuckt. Dann aber legt sich ein Wal zum Sterben an den Strand, und die Nation gerät in kollektive Wallung. Meiner Meinung nach komplett paradox!
Inzwischen ist meine Distanz mal wieder dem Entsetzen gewichen, dem fassungslosen Entsetzen über die ekelhaften Personality-Shitshows, die auf Kosten eines leidenden und sterbenden Tieres gleich reihenweise durchgezogen werden. Für viele der oft selbst ernannten Expert:innen und Beteiligten scheinen öffentliche Aufmerksamkeit, Selfie-Videos für ihre diversen Social-Media-Präsenzen und Presseauftritte viel wichtiger zu sein als echte Hilfe für das arme Vieh. Dankenswerterweise weiß der Wal nicht, dass er dafür und darüber hinaus auch noch als Kristallisationskeim für die üblichen Bescheuerten und Bekloppten herhalten muss, die ihn belästigen, „für ihn“ singen, träumen und tanzen, denn sonst müsste er trotz Treibnetz im Gastrointestinaltrakt wahrscheinlich auch noch kotzen. Selbst eigentlich zu nüchternem Realismus verpflichtete Amtsträger wie Till Backhaus versteigen sich zu Einlassungen, über die man nur noch den Kopf schütteln kann.
Zitat aus dem Spiegel: „Backhaus geht beim Wal all in – mindestens emotional. Bei einer Pressekonferenz, in der alle Hoffnung aufgegeben wurde, war er den Tränen nahe. „»Ich bin evangelisch erzogen«, sagt Backhaus. »Und Sie wissen, was Ostern ist. Da ist man in Gottes Hand. Und was mit Jesus passiert ist, wissen wir.« Auch der Wal habe ein Kreuz zu tragen. Einige Tage später berichtete Backhaus, er habe die Nacht im Boot neben dem Wal verbracht. Schon davor war er dem Wal nach eigener Aussage sehr nah gekommen: Vor Reporterinnen und Reportern vor Ort behauptete er, er habe dem Wal »in die Augen geschaut« und mit ihm »kommuniziert«. Das Tier habe »geantwortet« und ihm »das Gefühl gegeben, dass er mich akzeptiert hat«. Genauere Angaben zu der menschlich-tierischen Zwiesprache unterblieben.“
Man könnte es auch so sagen: Hätte er als zuständiger Minister den Arsch in der Hose gehabt, das anzuordnen, was eigentlich im Sinne des Tieres notwendig gewesen wäre, statt sich als „Walversteher“ zu gerieren, hätte der Wal es schon lange überstanden. Und dann könnten sich auch – auf seinem ulzerierenden Rücken als Bühne – keine geltungssüchtigen Pseudo-Expert:innen, naive Millionär:innen, schräge Schriftsteller und rechtsradikal angeschmuddelte Influencer ohne auch nur ansatzweise erkennbare fachliche Kompetenz austoben! Es ist wirklich extrem abstoßend, welchen Leuten hier von den zuständigen Stellen Gelegenheit zur gnadenlosen Selbstdarstellung eingeräumt worden ist!
So viel zum Wal, im nächsten Teil kommen wir dann zu den Wölfen.
Bleiben Sie mir gewogen, bis bald, Ihr
Ralph Rückert
Übrigens und falls das nicht klar sein sollte: Dieser Text wurde von einem Menschen, also von mir geschrieben, nicht von irgendeiner Bullshit-KI! Nur die Illustrationen mancher Artikel sind KI-generiert.
© Ralph Rückert
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