Von Ralph Rückert, Tierarzt
Nachdem ich jetzt zwischen den Jahren keine Lust darauf habe, thematisch irgendein großes Fass aufzumachen, dachte ich mir, dass ich ja mal eine Leserinnenfrage beantworten könnte.
Unter meinem letzten Artikel schrieb eine Diskussionsteilnehmerin:
„Ich frage mich, was mal der Grundgedanke eines jeden Tierarztes war, als er sich für diesen Beruf entschieden hat! Das würde mich interessieren!“
Nun kann ich natürlich schlecht für „jeden Tierarzt“ antworten, aber ich kann gerne mal darlegen, wie das bei mir gelaufen ist. Vielleicht ist das ja tatsächlich von allgemeinem Interesse.
Eines kann ich gleich vorwegnehmen: Die immer so fleißig beschworene Tierliebe war überhaupt kein Faktor bei meiner Berufswahl. Die Zuneigung zu Tieren – beileibe nicht zu allen, sondern zu den üblichen Verdächtigen – war halt einfach gegeben und nicht weiter bemerkenswert. Diese von vielen Tierbesitzer:innen als so immens wichtig angesehene Eigenschaft ist übrigens zwar den meisten von uns gegeben, aber absolut KEINE Voraussetzung dafür, ein weit überdurchschnittlicher Tierarzt zu werden. Einer meiner Professoren, ein fachlich hochangesehener Lehrstuhlinhaber, hatte spürbar keinen echten Draht, sondern ein sehr distanziertes Verhältnis zu den Tieren, mit denen ich ihn habe umgehen sehen. Trotzdem war er sehr gut darin herauszufinden, was ihnen fehlte und was dagegen zu tun war.
Also nein, Tierliebe hatte eigentlich mit meiner Berufswahl nichts zu tun. Was war es dann?
– Ich wollte unbedingt einen Beruf, der mir auch langfristig auf keinen Fall langweilig werden konnte.
– Als Kind eines selbständigen Vaters war für mich eine berufliche Existenz in Abhängigkeit von einem Arbeitgeber absolut undenkbar. Die eigene Praxis war immer mein Ziel, und dafür gab es auch nie einen Plan B.
– Ich wollte – so oberflächlich war ich halt, als ich jung war – einen Beruf mit hohem Ansehen, mit Status. Ich weiß gar nicht, wie es diesbezüglich heute aussieht, aber damals, vor 40 Jahren, war der Tierarzt eigentlich immer unter den ersten fünf Plätzen auf der Hitliste des öffentlichen Ansehens.
– Die Humanmedizin hätte diese ersten drei Anforderungen durchaus erfüllt. Allerdings fand und finde ich – sorry – die Körper fremder Menschen und viele menschliche Krankheitsbilder ziemlich abstoßend, wenn nicht gar eklig. Nachdem ich mir das erst mal eingestanden hatte, war die Schlussfolgerung klar wie Kloßbrühe: Medizin ohne Menschen = Bingo! Tiermedizin!
– Mein Beruf sollte natürlich – in den frühen 80ern hat man tatsächlich noch so gedacht – dazu geeignet sein, eine Familie ernähren zu können.
Was diesen letzten Punkt angeht, war ich allerdings genau so naiv oder blind wie viele, die sich mit mir um die raren Plätze für dieses damals wie heute begehrteste Studienfach Deutschlands beworben haben. Zu dieser Zeit stand die Jobampel für Tiermedizin auf Knallrot. Schlechte Berufsaussichten, zu viele Praxen und Kliniken für den Bedarf, zu wenige Assistentenstellen für die vielen Bewerber, dementsprechend unterirdische Gehälter, und auch viele Praxisinhaber:innen mit echt schäbigem Einkommen. Allerdings war ich – warum auch immer – ziemlich selbstbewusst und der festen Überzeugung, dass man in etwas, was einen wirklich interessiert und was einem so richtig Spaß macht, zwangsläufig überdurchschnittlich gut sein und sich gegen die harte Konkurrenz durchsetzen würde.
Und so war es dann auch. Jetzt, nach dem Ende meiner Tätigkeit als Praxisinhaber, kann ich sagen, dass ich sowohl die schlechten als auch die guten Zeiten mitgemacht habe, dass mir mein Beruf aber immer viel Spaß und Freude bereitet hat. Ich habe mich (so gut wie) nie am Sonntagabend vor dem Montag gefürchtet, was – wenn ich mich so umsehe – keine Selbstverständlichkeit darstellt. Und es ist tatsächlich nie langweilig geworden, sondern immer spannend und herausfordernd geblieben. Eine Familie konnte ich auch ernähren, wenn das auch speziell anfangs nicht ganz einfach war. Nachträgliches Edit: Würde ich – mit dem ganzen Wissen, das ich jetzt habe – wieder diesen Beruf ergreifen? Ja, gar keine Frage, auf jeden Fall!
Ohne es wirklich beweisen zu können, aber durchaus auf der Basis harter Zahlen, würde ich den Anspruch erheben, dass ich am Ende eine der 50 erfolgreichsten Tierarztpraxen dieser Größenordnung in Deutschland betrieben habe. Aber, und damit schließe ich den Kreis: Die so inflationär beschworene „Tierliebe“, die uns Tierärzt:innen nach Meinung vieler Tierhalter:innen als Ersatz für adäquate Bezahlung dienen soll, hatte damit nicht das Geringste zu tun. Liebe im engeren Sinne empfinde ich für die Menschen, die ich liebe, und darüber hinaus für meine eigenen Haustiere. Meinen Patientinnen und Patienten war ich immer sehr zugetan. Ich wollte nur ihr Bestes, habe sie immer so behandelt, als ob sie mir gehören würden, aber Liebe? Nein, das ist mir einfach zu hoch gegriffen, sorry!
Bleiben Sie mir gewogen, bis bald, Ihr
Ralph Rückert
© Ralph Rückert
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