Wenn (medizinische) Kommunikation an ihre Grenzen stößt

Von Ralph Rückert, Tierarzt

Ich bin der Erste, der immer betont, dass eine individuell auf die Verständnisfähigkeit von Patientenbesitzer:innen zugeschnittene Kommunikation ein enorm wichtiger Bestandteil (tier)ärztlicher Kunst ist, und ich räume auch sofort ein, dass viele von uns Tierärzt:innen in diesem Bereich Defizite haben, an deren Behebung wir lebenslang arbeiten müssen. Wir müssen da immer den kleinsten gemeinsamen Nenner ausloten, damit wir auch wirklich verstanden werden, und dabei auch immer im Kopf behalten, dass viele Tierbesitzer:innen in der Tierarztpraxis sowieso mehr oder weniger gestresst und damit auch definitiv weniger aufnahmefähig sind.

Manchmal aber hilft alles Bemühen nix, weil gegen eine ganz bestimmte und echt fatale Kombination aus maximalem Unverstand und aggressivem Dunning-Kruger-Syndrom einfach kein Kraut gewachsen ist. Als Beispiel mag uns dieses Facebook-Posting dienen, über das ich zufällig gestolpert bin:

„Es ist doch immer schön wenn man für komplett bescheuert gehalten wird. Seit 8 Jahren bekommt Lotta (Anm.: Hundename geändert) das Schmerzmittel Rimadyl 100mg und Zeel für Rinder, Schafe, Ziegen als Entzündungshemmer. Zwischenzeitlich bin ich auf Rimifin 100mg umgestiegen, gleicher Wirkstoff aber preislich günstiger. Rimifin ist im Moment leider nicht erhältlich, die Tierärztin hat mir Carprofen empfohlen. An dem Tag als ich das Medikament abgeholt habe, war ich selbst nicht so ganz fit und sah erst später, dass ich nur die 50 mg Packung bekommen habe. Bei dem Telefonat teilte man mir mit, das es nicht schlimm wäre, ich bräuchte Lotta nur zwei Tabletten geben. Umtauschen geht nicht, wenn ich das Medikament nicht gebrauchen kann, dann sollte ich es doch dem Tierheim spenden. Was ist das für eine freche Aussage? Wer hat das falsche Medikament bestellt? Außerdem ist die Aussage auch völliger Quatsch. Wenn ich ein Auto mit 100 PS fahre, dann ist das nicht das selbe wie zwei Autos a 50 PS. Zum Glück habe ich unsere Apotheke im Dorf, die haben mir Rimadyl bestellt und das Rezept dafür habe ich nach einiger Diskussion von der Tierärztin erhalten. Zwei Tage musste ich Lotta 4 x täglich das Carprofen geben, sie war total unruhig, rannte ständig rein und raus, stöhnte zwischendurch immer wieder laut, kam kaum ins Auto und war einfach nicht meine Lotta. Seit gestern bekommt sie Rimadyl, ist wieder fit, läuft gut, hüpft ins Auto und wieder raus und als ich sie gestern zu Ruth Bauer (Anm.: Name geändert) brachte, ist sie gleich in ihr Bett gehüpft. Jetzt dreht sie mit Petra Baier (Anm.: Name geändert) und ihren Hunden eine Runde und ich vermute, sie läuft auch wieder richtig gut.“

Ich muss zugeben, dass ich an dieser Stelle ein bisschen verunsichert bin. Eigentlich möchte ich fest davon ausgehen, dass alle meine Leserinnen und Leser den Denkfehler der Verfasserin erkennen. Oder doch nicht? Also gut, nur sicherheitshalber: Natürlich kann man den Medikamentenabgabefehler der Praxis sehr gut dadurch ausgleichen, dass man statt einer Tablette mit 100 mg Wirkstoff zwei Tabletten mit 50 mg Wirkstoff (gleichzeitig) verabreicht. Wenn wir uns an dem völlig abwegigen Vergleich der Verfasserin aus dem KFZ-Bereich orientieren, könnte man es auch so sagen: Wenn ich zehn Liter Sprit in meine Karre füllen will, keinen Kanister mit zehn Litern Inhalt zur Verfügung habe und deswegen zwei Kanister mit fünf Litern verwende, sind am Ende halt trotzdem zehn Liter im Tank. Ziel erreicht! Oder um noch ein Beispiel zu bringen, mit einem Medikament, das fast jeder von sich selber kennt: Wenn das Kopfweh nach einer 400er Ibu noch nicht weg ist, nimmt man eben noch eine und hat dann die gleiche Menge Wirkstoff intus, wie wenn man gleich eine 800er genommen hätte.

Bedenklich ist (Dunning-Kruger eben!), dass die Verfasserin sich auch durch mehrere Kommentare, die ihren Denkfehler aufzeigen, keineswegs beirren lässt, sondern sogar ausfällig wird und am Ende gar die Kommentarfunktion deaktiviert. Zwei Kommentare der Verfasserin zur Verdeutlichung:

„Fakeprofile mit einer Blume im Profilbild und 3 Freunden, angebliche Mitarbeiter eines Tierarztes haben sich zum kollektiven Dünnschissaustausch verabredet, herrlich wie Deutschland komplett verblödet. 🫣 Was so an Beleidigungen, Unterstellungen, Falschaussagen und Unsinn verbreitet wurde, die ganze Mühe war umsonst, denn ich habe alles gelöscht. Offensichtlich wird die Medikation falsch interpretiert. Die Menge des Wirkstoffs verdoppelt sich nicht wenn zwei Tabletten genommen werden. Umgekehrt ist es ebenso, der Wirkstoff halbiert sich nicht wenn ich nur eine halbe Tablette nehme. Selbst das simple Beispiel mit dem Fett in der Milch hat nicht nur Selbstreflexion geführt. Wenn man Sonnencreme mit LSF 30 zwei Mal aufträgt hat man nicht LSF 60. Ich wünsche euch einen schönen Abend.“

 „der Wirkstoff verdoppelt sich nicht wenn zwei Tabletten genommen werden. Umgekehrt ist es ebenso, der Wirkstoff halbiert sich nicht wenn ich nur eine halbe Tablette nehme.“

Nun, wie gesagt, da ist halt wirklich Hopfen und Malz verloren. Man könnte mit den Schultern zucken, wenn da nicht der Hund wäre. Im ursprünglichen Posting kommen nämlich gleich noch drei Probleme mehr zum Ausdruck:

-Die Verfasserin des Postings hat ganz offenbar nicht verstanden, dass Rimifin, Rimadyl und Carprotab alle genau den gleichen Wirkstoff enthalten, nämlich Carprofen.

-Da sie dem Carprofen (Wirkstoff) eine geringere Wirksamkeit als dem von ihr favorisierten Rimadyl (mit eben diesem Wirkstoff) unterstellt hat, hat sie sich entschlossen, das Medikament gleich viermal täglich einzugeben, was auf jeden Fall eine deutliche Überdosierung bedeutet hat, und das kann gerade bei NSAIDs (Nicht Steroidale Antientzündliche Medikamente) wie Carprofen tatsächlich ziemlich dramatische Folgen haben.

-Das Posting ist auch ein schönes Beispiel für den berühmten Placebo-by-Proxy-Effekt: Mit dem Carprotab meinte die Besitzerin, überdosieren zu müssen, und war trotzdem mit der Wirkung unzufrieden. Als sie dann das favorisierte Rimadyl (mit genau dem gleichen Wirkstoff) erhalten hat, war sie mit der Wirkung komplett happy.

Fazit: Man kann als Hundebesitzer:in auch mal echt Pech mit einem Hund haben, der gar nicht zu einem passt und mit dem man nicht klarkommt. Man kann aber umgekehrt auch als Hund so richtig Pech mit einer Besitzerin haben! 😉

Bildquelle: Screenshot Facebook

Bleiben Sie mir gewogen, bis bald, Ihr

Ralph Rückert

Übrigens und falls das nicht klar sein sollte: Dieser Text wurde von einem Menschen, also von mir geschrieben, nicht von irgendeiner Bullshit-KI! Nur die Illustrationen mancher Artikel sind KI-generiert.

© Ralph Rückert

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