Von Ralph Rückert, Tierarzt
Nochmal zur Erinnerung: Sowohl der erste Teil über den Buckelwal in der Ostsee als auch jetzt der zweite Teil über den Wolf wurde in meinem Kopf angestoßen durch diesen direkt an mich gerichteten Social-Media-Kommentar:
„Menschen wie Sie sind echt das Letzte sich erst Jahrzehntelang eine goldene Nase an zahlreichen Tierhaltern verdienen die wirklich alles für ihre tun und dann hochtrabend daherkommen und sich als Tierschützer aufspielen während ihre Gesinnungsgenossen gerade live in aller Öffentlichkeit einen Wal quälen der einfach nur in Ruhe sterben möchte und Wölfe auf unschuldige Weidetiere loslassen.“
Wie beim Wal schätzt mich die Verfasserin auch bei den Wölfen falsch ein. Natürlich mag ich als Hundehalter und Tierarzt Wölfe, finde sie schön und faszinierend, bin aber dennoch beileibe kein so richtiger Fan der Rückkehr der Wölfe nach Deutschland. Das hat (für mich persönlich!) vor allem zwei Gründe:
Als Tierarzt ist mir natürlich der Tierschutz ein extrem wichtiges Thema. Unsere alte Berufsordnung hat uns Tiermediziner:innen noch als die „berufenen Beschützer der Tiere“ bezeichnet. Unter diesem Aspekt tue ich mich sehr schwer damit, welchen enormen Blutzoll die eigentlich unter unserem Schutz stehenden Nutztiere für dieses Artenschutz-Prestigeprojekt zahlen müssen. Die diesbezüglichen Zahlen für Deutschland und Europa sind in meinen Augen schon ziemlich erschütternd: Ca. 4.500 tote Weidetiere pro Jahr in Deutschland, ca. 55.000 in ganz Europa. Gegenüber den Schlachtungszahlen ist das natürlich fast nix, aber – und das ist der Punkt – diese Tiere sterben halt absolut nicht so, als wenn sie korrekt nach den gesetzlichen Vorgaben geschlachtet würden, sondern oft im Rahmen alptraumartiger Blutorgien. Die Bilder, die sich nach einem Angriff auf eine Schafherde bieten, sind selbst für einen relativ abgebrühten Tierarzt nur schwer erträglich und sehr gut geeignet, einem jegliche Wolfsromantik für immer auszutreiben. Das geht halt leider bis hin zu Tieren, die mit raushängenden Därmen, aber immer noch lebend und natürlich unvorstellbar leidend im Gras liegen.
Damit wir uns richtig verstehen: Die Hauptnahrungsquelle für Wölfe sind nachweislich Rehe. Wird ein Reh im Wald von Wölfen erwischt, stirbt das natürlich auch nicht wirklich tierschutzgerecht, aber wenigstens relativ schnell, weil die Wölfe auf dieses jeweilige Einzeltier konzentriert sind und es dann auch tatsächlich zügig verzehren wollen. Anders bei einem Einbruch in eine Schafherde, wo es häufig zu Mehrfachrissen kommt (pro Angriff rein statistisch 3,9 Tiere, aber auch manchmal 30 tote oder verletzte Tiere durch einen einzigen Wolf, wenn ich das richtig im Kopf habe), die mit der Ernährung der Wölfe nichts mehr zu tun haben. Deshalb findet man nach solchen Ereignissen eben oft furchtbar verletzte, aber noch lebende Tiere. Das ist übrigens kein „Vorwurf“ an den Wolf. Der tut halt, wenn um ihn rum alles panisch rennt und schreit, genau das, was ihm seine Instinkte befehlen: Erst mal zupacken und später gucken, was man brauchen kann.
Aus Sicht unserer Nutztiere (hauptsächlich betroffen sind Schafe und Ziegen) war das halt irgendwie nicht der „Deal“, dass wir sie ihrer Bewegungsfreiheit berauben, um sie dann den Angriffen von Spitzenpredatoren auszusetzen, vor denen sie nicht mal abhauen können und von denen sie auf eine denkbar grausige Art verletzt und umgebracht werden. Als Schaf würde man sich wohl lieber durch Kehlschnitt schächten lassen, als durch einen Wolf massakriert zu werden.
Jetzt muss natürlich zwangsläufig das Stichwort „Herdenschutz“ fallen, durchaus zu Recht. Man muss und kann da was tun, je nach Region, je nach Bundesland, je nach Geländeform, je nach „Trainingszustand“ der Wölfe mehr oder minder erfolgreich. Elektrozäune, die nach bestimmten Grundsätzen errichtet werden, bieten durchaus Schutz, wenn es inzwischen auch schon Belege dafür gibt, dass die Wölfe leider dazu in der Lage sind, sich Taktiken zur Überwindung solcher Hindernisse auszudenken. Gut ausgebildete Herdenschutzhunde scheinen ebenfalls zu funktionieren, bringen aber natürlich wieder andere Probleme mit sich.
Wie auch immer, es gibt aber in Deutschland drei Landschaftsformen, deren Erhalt vollständig von Beweidung abhängig und wo ein effektiver Herdenschutz irgendwie nicht wirklich vorstellbar ist: Die Alpen, Wacholderheiden-Mittelgebirge wie die Schwäbische Alb und unsere Deiche (1.400 Kilometer Küsten- und 10.000 Kilometer Binnendeiche).
Bei der Almwirtschaft in den Bergen (die sowieso schon schwierig genug ist) ist ein Herdenschutz durch Elektrozäune in den allermeisten Fällen illusorisch. Aber auch Herdenschutzhunde sind unter dem Gesichtspunkt der touristischen Nutzung der Alpen natürlich hochproblematisch. Ich weiß wirklich nicht, wie man sich das eigentlich vorstellt. Am Ende wird es so sein, wie es Reinhold Messner vor einigen Jahren sinngemäß vorausgesagt hat: Wo der Wolf kommt, gehen die Bergbauern! Und das wiederum wird auf lange Sicht wirklich dramatische Folgen haben.
Der Erhalt der Wacholderheiden auf der Schwäbischen Alb ist komplett von der Beweidung durch die Wanderschäferei abhängig. Hier sind sowohl Elektrozäune als auch Herdenschutzhunde (mühsam) denkbar. Tatsache ist aber, dass die immer weniger werdenden Wanderschäfer:innen sich sowieso nur noch knapp über Wasser halten konnten und diese zusätzlichen Belastungen in Sachen Arbeitsaufwand und Kohle wohl kaum werden verkraften können. Ich habe da schon von mehreren Leuten gehört, dass die Etablierung ständiger Rudel für sie persönlich das endgültige Aus bedeuten wird. Auch hier werden wir erst langfristig zu sehen und zu spüren bekommen, was das bedeutet.
Der Erhalt unserer extrem wertvollen Deichanlagen (Neubau, Verstärkung bzw. Renovierung kosten Millionen pro Kilometer!) ist ebenfalls auf die Beweidung durch Schafe angewiesen. Bei der gleichzeitigen touristischen Nutzung der Deichkronen, gerade im Küstenbereich, ist der Einsatz von Elektrozäunen oder Herdenschutzhunden nur schwer zu verwirklichen. Und auch hier frage ich mich wieder, wie man sich das eigentlich vorstellt.
Das sind die Punkte, die mir persönlich aufstoßen. Ich habe keine der Ängste, die andere Leute umtreiben, gerade was die Sicherheit von Menschen angeht. Ich halte es schon mal von vornherein für extrem unwahrscheinlich, dass jemand von Wölfen wirklich angegriffen wird, und wenn doch mal ein Mensch verletzt werden sollte, geht das wirklich im Hintergrundgeräusch von zigtausend Hundebissen, die wir als Kollateralschaden der Hobbyhundehaltung mehr oder weniger akzeptieren, unter.
Trotzdem stelle ich mir bei der Wiederansiedlung des Wolfes immer wieder die Frage: Cui bono? Wem nützt der Wolf eigentlich? Unsere Waldwirtschaft (im Sinne einer absolut künstlichen Holzplantage und Wildfleischzuchtanstalt) ist ja auch 150 Jahre ohne Wölfe irgendwie klar gekommen. Die Umstellung der Weidetierhaltung inklusive der Entschädigungen für gerissene Weidetiere ist ein wirklich sackteures und immer noch teurer werdendes Unterfangen. Was für einen Nutzen werden wir davon am Ende haben? Ist der unterstellte positive Einfluss auf die Biodiversität tatsächlich so bedeutsam, dass er den Verlust genau dieser Biodiversität in den oben aufgeführten Landschaftsformen und das Weidetiermassaker aufwiegen kann?
Im Rahmen unserer repräsentativen Demokratie ist der politische Entschluss, die Wiederansiedlung des Wolfes zu ermöglichen, erst mal zu akzeptieren. Die Frage, die für mich bleibt, ist die, ob der Wolf wirklich überall sein muss und darf. Bestimmte Landschaftsformen und Beweidungskonzepte erscheinen mir als derartig wichtig und schutzbedürftig, dass man sich dafür spezielle Konzepte wird einfallen lassen müssen. Und, ganz wichtig: Die bisherigen Opferzahlen unter unseren Nutztieren halte ich für absolut inakzeptabel. Es kann nicht angehen, für den Schutz der einen Tierart den Schutz anderer Tiere, für die wir komplett verantwortlich sind, einfach in die Tonne zu treten.
Bleiben Sie mir gewogen, bis bald, Ihr
Ralph Rückert
Übrigens und falls das nicht klar sein sollte: Dieser Text wurde von einem Menschen, also von mir geschrieben, nicht von irgendeiner Bullshit-KI! Nur die Illustrationen mancher Artikel sind KI-generiert.
© Ralph Rückert
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