Von Ralph Rückert, Tierarzt
Ein in meinen Augen kritikwürdiges Reel einer Kollegin:
https://www.facebook.com/reel/1591502019016962
So, gesehen? Was will uns die Kollegin mit diesem Beitrag sagen? Ein bisschen bissig und satirisch überspitzt könnte man so zusammenfassen:
„Ich habe 30 Jahre Erfahrung! Früher mussten wir Tierärzte mit unseren Augen, unseren Händen, einem Stethoskop, einem Fieberthermometer und unserem Wissen sehr weit kommen. Wenn ihr jungen Spritzer mal wieder lernen würdet, wie man ordentlich untersucht, bräuchte es diesen ganzen Gerätequatsch in den meisten Fällen gar nicht, und dann wäre Tiermedizin auch wieder viel billiger, was sich ja viele Tierhalter:innen sehnlichst wünschen. Back to the roots, dann wird alles wieder gut!“
Nun, klingt doch erstmal verlockend, oder? Aber bei aller Liebe, das lasse ich (übrigens mit 36 Jahren Erfahrung in der Führung einer nicht ganz kleinen Praxis) nicht einfach so stehen! Die Kollegin redet hier ganz klar einem medizinischen Rückschritt das Wort. Sie kennen wahrscheinlich diesen Witz:
Eine Frau stellt fest, dass über Nacht der Keller mit Wasser vollgelaufen ist. Verzweifelt telefoniert sie Dutzende von Installationsbetrieben durch, bis sie endlich einen gefunden hat, der sich der Sache annehmen will. Der Installateur kommt, schaut sich mit gerunzelter Stirn von der Kellertreppe aus die Überschwemmung an, denkt länger nach, kramt dann eine Schraubmutter und eine Dichtung aus der Hosentasche, wirft sie ins Wasser und sagt der Hausbesitzerin: Wenn es morgen nicht besser ist, melden Sie sich nochmal!
In wirklich sehr vielen Fällen, wo wir früher wie der Installateur auf Verdacht und irgendwie ins Blaue hinein behandelt haben, wissen wir heute viel öfter definitiv, woran wir sind und was zu tun ist, und das liegt nicht zuletzt an den heute zur Verfügung stehenden diagnostischen Möglichkeiten. Die Kollegin hat schon Recht damit, dass wir vor zwei oder drei Jahrzehnten mit den von ihr genannten Basics weit kommen mussten. Wir haben damit auch vielen Tieren helfen können, vielen das Leben gerettet. Es ist aber nicht nur nach meiner Erfahrung eine Tatsache, dass wir heutzutage deutlich mehr Patienten helfen können, deutlich mehr das Leben retten, und das auch noch viel zielgerichteter als früher. Das Bessere ist nun mal der Feind des Guten, und dies ganz besonders in der Medizin, wo es ja oft genug um Leib und Leben geht!
In meinen Augen argumentiert die Kollegin unredlich, also mit den Mitteln der schwarzen Rhetorik. Erstens impliziert sie unverhohlen, dass die (meist jüngeren) Kolleginnen und Kollegen, für die die Verwendung bestimmter diagnostischer Verfahren aus gutem Grund zum bedingten Reflex geworden ist, die Regeln der allgemeinen und eingehenden Untersuchung nicht mehr beherrschen würden. Das mag für manche Kolleginnen und Kollegen zutreffen, und zwar altersunabhängig, die man dann halt zu den schlechten Tierärzt:innen zählen muss. Die allermeisten von uns sind sich aber der Bedeutung einer sorgfältigen körperlichen Untersuchung nach wie vor bewusst. Zweitens stellt sie es so dar, als ob in der täglichen tiermedizinischen Allgemeinpraxis inzwischen riesige Maschinenparks vorgehalten würden. Auch das trifft eigentlich nicht zu, denn wenn man ehrlich ist, geht es in der Breite nur um vier, fünf Verfahren, die heutzutage deutlich mehr zur Anwendung kommen als früher: Röntgen (hier ganz besonders im Zahnbereich), Ultraschall, Labor, moderne Narkoseüberwachung und (keineswegs überall vorhanden) Endoskopie. Die Schichtbildverfahren (CT, MRT), die einem beim Stichwort „Gerätemedizin“ immer gleich in den Kopf kommen, sind ja in der Regel eh auf größere Einrichtungen beschränkt und spielen gar nicht eine so große Rolle.
Weiterhin verschweigt die Kollegin geflissentlich, dass man bei der Wahl der diagnostischen Verfahren beileibe nicht im luftleeren Raum agiert. Viele Standardwerke der (Tier-)Medizin führen bei den diversen Erkrankungen ganz spezifisch und auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhend an, welche minimale Datenbasis für eine definitive Diagnose angestrebt werden sollte. Ebenso werden mit verblüffender Lässigkeit sowohl die Rechtssprechung als auch die Kundinnen und Kunden ausgeklammert. Man kann als Tiermediziner:in sehr schnell in heißes Wasser kommen, sowohl gegenüber kritischen Tierbesitzer:innen als auch vor Gericht, wenn man bewusst auf nach dem Stand der Wissenschaft angeratene diagnostische Verfahren verzichtet, rein auf Verdacht ins Blaue behandelt und das dann schiefgeht. Leider singen viele Tierbesitzer:innen, die sich zuvor wegen der Kosten diagnostischer Verfahren recht verkniffen gezeigt haben, ganz schnell ein anderes Lied („WARUM WURDE DAS NICHT GEMACHT?“), wenn sich ein ungünstiger Krankheitsverlauf ergibt. Kurz gesagt: Erst soll man sparen, dann wird man dafür verklagt!
Ich will nicht unter den Tisch fallen lassen, dass es sowas wie Überdiagnostik durchaus gibt, ob nun aus Unerfahrenheit, Unsicherheit oder wirtschaftlichen Interessen. Ich halte Überdiagnostik im echten Sinne aber für ein eher seltenes Ereignis. Ich sehe als Rechnungsprüfer der Tierärztekammer Baden-Württemberg wirklich viele Rechnungen aus Einrichtungen aller Größenordnungen, und in den allermeisten Fällen sind die abgerechneten Diagnoseschritte fachlich vollständig nachvollziehbar. Das Problem dabei ist, dass gerade Laien den Sinn der eingesetzten diagnostischen Verfahren eigentlich ausnahmslos mit der hundertprozentigen Sehschärfe des Rückblicks bewerten. Ist also bei einer Laboruntersuchung, einem Ultraschall oder einem Röntgen nichts rausgekommen, wird diese Untersuchung als Überdiagnostik (und natürlich als Abzocke) gewertet, was halt einfach komplett daneben ist. Auch eine Untersuchung, bei der sich kein spezifischer, pathologischer Befund ergeben hat, bringt eine Tierärztin / einen Tierarzt auf dem Weg zur richtigen Diagnose durchaus weiter, weil sie einfach Sachen ausschließt, an die man ab diesem Punkt nicht mehr denken muss.
Was Unerfahrenheit oder Unsicherheit angeht, insbesondere bei noch jüngeren Kolleginnen und Kollegen, wirken weiterführende diagnostische Verfahren als großer „Equalizer“, weil sie eben genau diese Lücken füllen können. Es ist sehr gut möglich und kommt sicher auch häufig vor, dass sich durch ein – in sehr erfahrenen Augen nur bedingt notwendiges – Röntgen oder Ultraschall dann eben doch ein eindeutiger Befund ergibt, der zur korrekten Diagnose führt. Das halte ich für durchaus legitim! Wir kommen nun mal alle nicht mit 30 Jahren Erfahrung von der Uni.
Dazu kommt, dass es bei manchen Krankheiten einfach eine statistische Tatsache ist, dass man so und so viele Patienten „screenen“ muss, um die vereinzelten Fälle zu ermitteln, die von dieser Krankheit betroffen sind. Als Beispiel mag uns der Morbus Addison dienen, eine der in früheren Jahren sicher sehr häufig und mit üblen Folgen übersehenen Erkrankungen des Hundes: Da schaut man durchaus mehr als 99 Laborergebnisse an, bis man mal wieder einen Addison-Hund erwischt. Da aber die von außen erkennbaren Symptome der Krankheit sehr unspezifisch sind, ist man für einen begründeten Verdacht einfach auf eine Blutuntersuchung angewiesen. Gleichzeitig wäre es heutzutage nun mal ein mit Recht zu einer Klage führendes Versäumnis, wenn einem ein Addison-Hund voll durch die Lappen geht und deswegen im schlimmsten Fall verstirbt.
Wenn ich also meine Meinung zu dem Reel der Kollegin in einem Satz zusammenfassen müsste, würde ich es als Selbstprofilierung auf Kosten der Patienten beschreiben, denn genau diese, unsere Patienten, müssen es ausbaden, wenn wir uns bezüglich der Wahl der diagnostischen Methoden wieder weitgehend auf das beschränken, was vor 25 oder 30 Jahren üblich war. Da man aber in den Kommentaren zu dem Reel auch viel begeisterte Zustimmung „preisbewusster“ Tierhalterinnen und Tierhalter liest, lässt sich noch anmerken: Billiger und schlechter geht ja letztendlich immer! Wie man an dem Reel sieht, gibt es ja durchaus noch Praxen, die zu dem Vabanque-Spiel, das der weitgehende Verzicht auf fortgeschrittene Diagnostik nun mal darstellt, durchaus bereit sind und das wie in diesem Fall auch noch mit dem Angebot quacksalberischer „Heilverfahren“ garnieren. Die von einer solchen Entscheidung betroffenen Tiere müssen dann halt einfach ein bisschen Glück haben.
Bleiben Sie mir gewogen, bis bald, Ihr
Ralph Rückert
Übrigens und falls das nicht klar sein sollte: Dieser Text wurde von einem Menschen, also von mir geschrieben, nicht von irgendeiner Bullshit-KI! Nur die Illustrationen mancher Artikel sind KI-generiert.
© Ralph Rückert
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