Tiermedizinische Rechnungen: Kommunikation ist der Schlüssel! Oder anders: Schwätzet halt um Himmelswilla mitanand!

Von Ralph Rückert, Tierarzt

Ich habe ja sicher schon mal nebenbei erwähnt, dass ich in der laufenden Wahlperiode zu den Vorstandsmitgliedern der Landestierärztekammer Baden-Württemberg gehöre, die die (übrigens ehrenamtliche) Aufgabe haben, von Tierhalter:innen eingeschickte Rechnungen auf Konformität mit der geltenden Gebührenordnung zu prüfen. Ich sehe also häufig Rechnungen der verschiedensten Praxen und Kliniken aus dem Ländle und natürlich die dazugehörigen Beschwerden und Einwände der Menschen, die diese Rechnungen zur Prüfung eingereicht haben.

Schaut man sich an, was die jeweiligen Tierbesitzer:innen dazu bringt, Rechnungen durch die Kammer prüfen zu lassen, dann steht ein Grund weit über allen anderen:

Mangelnde oder mangelhafte Kommunikation, und zwar (ganz wichtig!) von beiden Seiten!

In mehr als 90 Prozent der Begleitschreiben kommen Formulierungen vor wie „Ich bin völlig entsetzt über die Höhe der Rechnung“, „Kann das denn wirklich so stimmen?“, „Ich halte die Höhe dieser Rechnung für maximal überzogen“ und „Ich bin überhaupt nicht über die anfallenden Gebühren aufgeklärt worden“.

Ich glaube, dass wir hier in Deutschland ein Stück weit ein kulturelles Problem mit dem Reden über Geld bzw. finanzielle Mittel haben. Wir sind da eindeutig verdruckster als die Menschen in anderen Kulturkreisen. Neulich gab es ein Wirtschaftsforum für den DACH-Raum, bei dem es auch um die Tiermedizin ging, und da hat ein Kollege, der 20 Jahre im UK tätig war, berichtet, dass dort wesentlich früher und offener über Geld geredet wird, und zwar von beiden Seiten. Dies dürfte wahrscheinlich auch für Skandinavien und die USA gelten. Ich besitze ein 30 Jahre altes, amerikanisches Lehrbuch über Notfalltiermedizin, in dem bei absolut jedem besprochenen Krankheitsbild mantraartig steht: „Inform patient about diagnosis, prognosis and cost!“.

Dieses sofortige Auf-den-Tisch-Knallen der zu erwartenden Kosten ist hierzulande eher unüblich. Es kann sogar, und das ist mir durchaus mehrfach passiert, auf beleidigtes Unverständnis finanziell gut aufgestellter Kundinnen und Kunden stoßen, die sich gleich mal in die falsche Schublade gesteckt fühlen. Ich habe es die meiste Zeit meiner praktischen Tätigkeit auch so gehalten, wie viele Kolleginnen und Kollegen: Wer nicht explizit nach einer Kostenschätzung gefragt hat, hat – außer vor operativen Eingriffen – auch keine bekommen, so nach dem Motto „Wer nicht fragt, hat offenbar kein Problem mit der Kohle“. Und auch von Kundenseite scheint es weit verbreitet Hemmungen zu geben, beschränkte finanzielle Möglichkeiten frühzeitig anzusprechen und bestimmte Grenzen für die geplante Behandlung zu ziehen.

Ich bin nach den Erkenntnissen, die ich als Rechnungsprüfer gewinnen darf und durfte, der Meinung, dass wir das überdenken und eher versuchen sollten, die zu erwartenden Kosten für fast egal was möglichst frühzeitig zum Thema zu machen. Und, ganz wichtig: Wir sollten das, was dabei rauskommt, auch in jedem Fall sorgfältig dokumentieren.

Das ist nämlich eine andere gewonnene Erkenntnis: Wenn jemand schreibt „Ich bin überhaupt nicht aufgeklärt worden“, dann gehe ich dem durchaus nach, indem ich mich mit der Praxis oder Klinik, aus der die zu prüfende Rechnung stammt, in Verbindung setze. Es besteht zwar meines Wissens kein rechtlicher Anspruch auf eine vorauseilende Kostenaufklärung, ohne dass danach gefragt worden wäre, aber der Vorwurf spielt ja trotzdem eine gewisse Rolle. Und was kommt bei diesen Nachfragen erstaunlicherweise raus, und zwar in mehr als der Hälfte der Fälle? Dass die Leute, die sich dergestalt beschweren, durchaus aufgeklärt worden sind oder sogar eine Kostenschätzung der Praxis / Klinik eigenhändig unterschrieben haben, ganz offenbar, ohne sie zu lesen.

Kostenschätzungen machen Mühe, kosten Zeit und damit auch Geld. Der damit verbundene Aufwand sollte aber durch die zunehmende Verwendung von entsprechend spezialisierten KIs in Zukunft immer kleiner werden. Ich rate also im Sinne von Konfliktprävention beiden Seiten dazu, das Thema der zu erwartenden Gebühren wirklich frühzeitig und grundsätzlich immer anzugehen, eben auch mit der erforderlichen Dokumentation als Vorbeugung gegen Kundinnen und Kunden mit – sagen wir mal – sehr selektiver Wahrnehmung oder einer Neigung zu alternativen Fakten. Viele Kolleginnen und Kollegen und ebenso viele Kundinnen und Kunden werden diesbezüglich ein bisschen über ihren Schatten springen müssen, aber das ist allemal besser als die Konflikte und Missstimmungen im Nachgang, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, die ich als Rechnungsprüfer oft mitbekomme.

Ist jemand aufgefallen, dass ich beharrlich den Begriff „Kostenschätzung“ verwende, und nicht „Kostenvoranschlag“? Das ist volle Absicht! Es kann für eine tiermedizinischen Behandlung aufgrund der systemimmanenten Unwägbarkeiten keinen innerhalb bestimmter Grenzen bindenden Kostenvoranschlag geben wie zum Beispiel für das Platteln von 50 Quadratmetern Terrasse. Deshalb sprechen wir eben von Kostenschätzungen, die deutlich unverbindlicher sind. Genauer wird es nur bei absoluten Standardeingriffen oder -behandlungen, und selbst da kann es gelegentlich ganz anders laufen als gedacht.

Wie auch immer, in den deutschen Tierarztpraxen wird bisher zu wenig übers Geld geredet, was im Nachhinein für viele eigentlich vermeidbare Konflikte sorgt. Deshalb: Leit, schwätzet mitanand!

Bleiben Sie mir gewogen, bis bald, Ihr

Ralph Rückert

Übrigens und falls das nicht klar sein sollte: Dieser Text wurde von einem Menschen, also von mir geschrieben, nicht von irgendeiner Bullshit-KI! Nur die Illustrationen mancher Artikel sind KI-generiert.

© Ralph Rückert

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