Tierärztinnen und Tierärzte vs. Kundinnen und Kunden: Enemy mine!

Von Ralph Rückert, Tierarzt

Bei den weltweiten Klimaveränderungen nähern wir uns Kipppunkten, haben sie schon erreicht oder vielleicht gar überschritten, was bedeuten würde, dass die weitere und dann sicher negative Entwicklung sich weitgehend unserem Einfluss entzieht. Das gleiche unangenehme Gefühl habe ich zunehmend, wenn ich das Verhältnis zwischen Tierärzt:innen und Kund:innen anschaue. Es könnte auch hier sein, dass wir Kipppunkte erreichen bzw. überschreiten, ab denen sich mittel- bis langfristige Schäden ergeben, die nicht oder nur sehr schwer wieder zu reparieren sind.

Neulich habe ich in einem Text einer englischsprachigen Kollegin die Frage gelesen, wann es denn passiert sei, dass wir Tierärzt:innen zu Feinden der Tierbesitzer:innen geworden sind. Das ist angesichts der Zeiten, die ich noch erlebt habe und in denen unser Berufsstand bezüglich seines öffentlichen Ansehens immer unter den Top-Drei war, eine wirklich gute Frage. Ich würde sie aber aus eigener Anschauung noch erweitern und fragen, wann eigentlich die Kundinnen und Kunden UNSERE Feinde geworden sind.

Irgendwie galt all die vielen Jahre meiner Laufbahn der Spruch, dass 99 Prozent des Ärgers, den man halt so hat, von einem Prozent der Kundinnen und Kunden ausgehen würde. Das hätte ich lange Zeit auch so unterschrieben. In den letzten zehn Jahren aber, und auch das verknüpfe ich wie viele andere negative Entwicklungen mit dem Aufstieg der Sozialen Medien, gerät da etwas ganz entschieden aus dem Gleichgewicht. Es geht in Sachen Anspruchshaltung, Unverschämtheit, Diffamierung, psychischer und sogar physischer Gewaltausübung inzwischen ganz sicher nicht mehr um nur ein Prozent. Die Bekloppten und Bescheuerten, die völlig besoffen von ihrer vermeintlichen Bedeutsamkeit ihren digitalen Egotrip mit widerwärtiger Boshaftigkeit ausleben, haben in ihrer Zahl ganz sicher massiv zugenommen. Und wir Tierärztinnen und Tierärzte sind tatsächlich zu ihren Feinden geworden, auf die man permanent und hemmungslos einprügelt, immer mal wieder auch im wahrsten Sinne des Wortes.

Bezüglich der Prozentzahlen traue ich mir inzwischen nicht mal mehr eine gefühlte Einschätzung zu. Es könnte aber durchaus sein, dass wir da vom unteren einstelligen Prozentbereich in den unteren zweistelligen Bereich gerutscht sind. Trotzdem: Es ist und bleibt natürlich eine klare Minderheit, die chronisch unangenehm auffällt. Mit den meisten Kundinnen und Kunden ist nach wie vor eine freundliche, zivilisierte und gedeihliche Zusammenarbeit zum Wohle ihrer Tiere möglich. Die toxische Minderheit schafft es aber – wie in vielen anderen Lebensbereichen – grölend und zuverlässig, das Klima für alle zu vergiften. Aktion führt zu Reaktion, Druck erzeugt Gegendruck, und da müssen wir nach meinem Gefühl aufpassen, dass wir uns nicht in einen Strudel aus gegenseitiger Abneigung und Misstrauen hineinziehen lassen.

In den berufsinternen Kommunikationgruppen sehe und fühle ich mit Sorge, dass da etwas kippt. Viele von uns entwickeln eine zunehmend ablehnende oder gar feindselige Einstellung zu Tierbesitzer:innen. War man früher überzeugt, auf grundsätzlich vernünftige und umgängliche Menschen zu treffen, läuft es inzwischen gefühlt so, dass man bis zum Beweis des Gegenteils erst mal davon ausgeht, es mit Leuten zu tun zu haben, die zu den oben skizzierten, hochmalignen Kund:innen gehören. Das Misstrauen scheint immer mehr zuzunehmen. Immer häufiger nehme ich wahr, dass eigentlich ganz normale, aber ein bisschen aus dem Rahmen fallende Anliegen von Kund:innen sofort als Zumutung oder als massives Ärgernis empfunden werden.

Es sei nochmal betont, dass das nicht aus dem Blauen kommt, sondern definitiv von einem leider immer größer werdenden Kreis von Tierbesitzer:innen ausgelöst worden ist, die sich ohne Rücksicht auf Verluste wie tollwütig gebärden.

Ich halte das für eine schlimme Entwicklung, denn da entstehen tiefe Gräben, wo eigentlich keine sein sollten und müssten. Das unsägliche Benehmen einer Minderheit gefährdet das Miteinander aller. Ich will nicht so tun, als ob ich dafür eine Patentlösung hätte, zumal ich diese Tendenz zum negativen Blick, zum grundsätzlichen Misstrauen in meinen letzten Berufsjahren bei mir selber festgestellt habe. Ich kann nur anmerken, dass es mir immer wieder geholfen hat, wenn ich mir klar gemacht habe, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen, die unsere Praxen aufsuchen, vernünftig, zivilisiert, umgänglich und höflich ist.

Natürlich ist auch die sogenannte Kundenhygiene heutzutage wichtiger denn je, also die schnelle und konsequente Trennung von Leuten, die sich komplett danebenbenehmen oder auch einfach nicht gut tun. Solche Menschen werden schmerzhaft lernen müssen, dass sie sich wegen ihres Benehmens immer schwerer tun, überhaupt noch Praxen oder Kliniken zu finden, die sich mit ihnen abgeben wollen. Aber auch dabei sollte man als Tierärzt:in immer im Auge behalten, dass es zu unserem Berufsbild gehört, auch mit nicht ganz einfachen Tierbesitzer:innen professionell umgehen zu können.

Es ist und bleibt ein ewiger und sehr schwieriger Balanceakt. Mir ist nur die Botschaft wichtig, dass immer noch die meisten Leute gute Kundinnen und Kunden sind, und dass das Vermeiden einer zu negativen und vergifteten Einstellung auch für die eigene psychische Gesundheit nicht ganz unwichtig ist.

Aus eigener schmerzlicher Erfahrung der Hinweis: Wenn man bei sich selbst bemerkt, dass man eine extrem negative Sicht auf Kundinnen und Kunden entwickelt hat und da auch gar nicht mehr rauskommt, kann das ein recht deutlicher Hinweis auf einen drohenden Burnout sein. Ich würde in solchen Fällen dazu raten, sich baldmöglichst Hilfe zu sichern.

Bleiben Sie mir gewogen, bis bald, Ihr

Ralph Rückert

Übrigens und falls das nicht klar sein sollte: Dieser Text wurde von einem Menschen, also von mir geschrieben, nicht von irgendeiner Bullshit-KI! Nur die Illustrationen mancher Artikel sind KI-generiert.

© Ralph Rückert

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